Wo die Sätze langsam tanzen

Die Welt 18. Juni 2005

Von Hajo Steinert

Alles Grobe ist ihm zuwider. Alles Laute ein Graus. Mitläufertum ein Ekel. Gute Voraussetzungen also für einen Autor, auf dem Dichterolymp aufgenommen zu werden, begrüßt von einem Peter Handke und Botho Strauß. Nein, nein, noch hat er sein Plätzchen nicht da ganz oben, aber auf dem Weg dahin ist er.

Joachim Helfer ist einer der ganz Stillen im deutschen Literaturbetrieb. Wenn er zum öffentlichen Auftritt erscheint, dann nur im Jackett. Dem alerten Moderator antwortet er zwar, aber man spürt sofort: Für die literarische Talk Show ist er nicht zu haben. Das liegt an der Art seiner Bücher. Sie sind unmodisch, sie spielen nicht in Berlin, sondern dort, wo Charme und Eleganz und nicht Power und Coolness den Ton angeben: in Paris oder sonstwo westlich und südlich von Preußen. Joachim Helfers Geschichten erzählen von Menschen, wie wir sie aus Thomas Manns Novellen kennen.

In seinen drei neuen Novellen erzählt er von Künstlern, die beruflich schon viel in ihrem Leben erreicht haben, aber in der Liebe immer noch Vagabunden ihrer Sehnsüchte sind und empfänglich für Amors Pfeile. In der Novelle findet Helfer die geeignete Form, um das Unerhörte bei der erotischen Begegnung zu schildern. Unerhört bleiben seine Figuren beim Liebeswerben allemal. Liebeswerben ist vor allem ein vergeblicher Akt. Er ist das Privileg der Einsamen und Stillen.

Aber in der Vergeblichkeit liegt auch eine Süße. Die Altersmelancholie, in die sich der eigentlich noch junge Autor hineindenkt, hat nichts Peinliches, nichts Verschwitztes, nichts Anbiederndes. Joachim Helfer denkt und fühlt und schreibt sich nur an etwas heran, was jeden einigermaßen sensiblen Menschen eines Tages ereilt. Er nimmt vorweg, was für viele, die, wenn sie beginnen, darüber zu sinnieren, zu spät ist, um darüber zu schreiben.

Helfer läßt seine Künstlerfiguren, die schon in seinen früheren Büchern da waren, wieder die Bildfläche betreten. Reifer geworden, aber keineswegs gelassener, arriviert, aber noch längst nicht angekommen, resigniert, aber noch lange nicht am Ende der Fahnenstange, todesbewußt, aber noch längst nicht bereit zu sterben. Zwar denken diese Zeitgenossen schon beim Weckerklingeln am Morgen an den "Sensenmann", aber sie schlagen auf ihre Art dem Tod auch ein Schnippchen. Helfers Männer sind alle ein wenig kauzig und kindisch, einsam und eitel, aber: Sie haben Stil. Es sind Herren und nicht nur Männer. Selbst bei den alltäglichsten Verrichtungen im Zuge der Auflösung des Grundwiderspruchs zwischen Körper und Geist bewahren sie Fassung.

Selbst bei der Schilderung kerniger Alltagsverrichtungen bleibt Joachim Helfers Prosa elegant. Bei ihm ist das Schreiben, Satz für Satz, buchstäblich noch ein schöpferischer Akt. Er feilt spürbar so lange an seinen Sätzen, bis sie beginnen auf dem Papier zu - nutzen wir ruhig das Verb - tanzen. Haudegen sagen, seine Sprache sei manieriert. Kenner bewundern Helfers im emphatischen Sinne des Wortes gewöhnungsbedürftige und unzumutbare Sprache als Kunststück.

In "Die Steine" begegnen wir dem Florian aus dem Roman "Cohn & König" (1998) wieder, jetzt allerdings als Jungen, gleichsam als Bruder eines gewissen Tadzio. Florians Mutter ist gestorben, vom Großvater bekommt er zum Trost eine Goethe-Gesamtausgabe geschenkt. Das prägt. Der Anfang aller Sensibilität, die später in einer Erfahrung erotischer Erleuchtung endet, die auf den Nenner Initiationsgeschichte zu bringen allerdings eine Verkürzung des existentiellen Gewichts dieses Textes mit sich brächte.

Ein ehemaliger Tänzer und heutiger Starchoreograph und Juror begegnet in der Novelle "Ein Tanz" in einem Hotel bei einem Wettbewerb am Genfer See einem jungen Gott. Erst denkt der Mann vom Schlage eines Gustav Aschenbach, der Jüngling mit den schönen Locken sei bloß ein "US-Boy". Aber der Bewerber für ein Stipendium heißt nicht Jim oder John, sondern Kolja und kommt aus Kaliningrad. Gleichwohl, er ist ein ungehobelter Bursche, der gern trinkt, kifft, prügelt und auch sonst auf allerlei Abwege gerät. (Solch ein Kerl tritt auch in der dritten, vergleichsweise bösen Novelle, "Ein Ring" auf; Udo heißt da der tumbe Major, hat allerdings den schönsten Körper von ganz Cannes.) Daß Kolja kein Visum besitzt und gelegentlich wegen seines ungehobelten Verhaltens zur Polizeiwache muß, macht alles noch schlimmer. Aber all das hindert den alten Tänzer nicht an seiner aufkeimenden Leidenschaft. Er will den jungen Schützling zugleich als Lehrer, Vater und Liebhaber für sich gewinnen.

Als Kolja des Nachts tatsächlich mal am Bett des Meisters erscheint, kommt es zu einer vor Spannung knisternden Begegnung. Sie verschärft allerdings auch die Tragik, von der Joachim Helfer so anrührend erzählt wie kein anderer seiner Generation: der Tragik des alternden Homosexuellen.