Steigernd schwungvoll

Ixlibris 09/2005

Von Bernd Heimberger

Ohne Bedenken kann die Vokabel Prätention hervorgekramt werden. Die Prosa des Joachim Helfer ist eine Prosa, die ohne Prätention kaum denkbar ist. Das bedeutet, Helfers Prosa ist, im besten Sinne, anspruchsvoll. In ihrem Anspruch ist sie anmaßend. Das wiederum bedeutet, Helfer will nicht die beliebigen Leser. Er will die bedacht Lesenden. Und das hat nichts mit Dünkel zu tun. Es hat mit dem Willen des Schriftstellers zu tun, den Wohllaut der Worte in rhythmischen Sätzen zum Klingen zu bringen: Lesenden zum Wohlgefallen. Joachim Helfers Novellenband "Nicht zu zweit" hat die Seiten, die lebhaft werden durch den Rhythmus der Sprache. Knapp ein Jahrzehnt nach dem Tode von Thomas Mann geboren, ist Helfer, wie der Altvordere, ein Rhythmiker der epischen Sprache. Manche Seiten der dritten, den Band abschließenden Novelle - "Die Steine" -, werden die Lesenden eher des Wohllauts der Worte, weniger der Geschichte wegen lesen. Eine Geschichte, in der abermals Florian König anwesend ist, der nicht aus der Haut des Autors heraus kann und muß. Nicht zufällig, scheints, macht jedoch die Novelle "Der Ring" den Mittelpunkt der Novellen-Sammlung. Auch "Der Ring" gönnt den Lesenden die Wiederbegegnung mit einer Helfer-Figur. Seinen Auftritt hat erneut Peter Cohn: Emigrantensohn, Kunsthändler-Galerist aus Amerika, dessen ohnehin wechselvollem Leben im südfranzösischen Cannes eine weitere besondere Begegnung hinzugefügt wird. Cohn wird zum Zuhörer für einen Altersgenossen, der einst Modell für Arno Breker stand, dem der altersschwache André Gide einen Ring verehrt, der .... Die Ring-Geschichte hat das sich steigernde, schwungvolle Tempo von Ravels "Bolero". Alles scheint Wiederholung. Alles ist ständig Steigerung. Alles Geheimnisvolle wird veröffentlicht. Nichts vom öffentlichen gewordenen Geheimnis offenbart das Geheimnisvolle. Die Ring-Geschichte erzählt ein punktuelles Ereignis, das eine Linie hat. Eine gedachte, vermutete, tatsächliche Linie? Wer weiß! Heiterer, leichter erzählt Joachim Helfer keine der Novellen. Heiterer hat Helfer noch keiner Figuren gestattet, großzügig Geständnisse zu machen.

Der Schriftsteller spürt gern Geständnissen nach. Geständnissen, die immer wieder von Menschen verlangt werden. Geständnisse, die Menschen nie machen können, weil Menschen die Geständnisse nicht machen können, die sie machen könnten. Bei Joachim Helfer gibt es die Geschichten zu den Geständnissen. Der Schriftsteller hat einen sechsten Sinn für Geständnisse in Geschichten. Helfer erzählt die Geschichten. Die Geschichten wird hören, wer hören kann.