Im Theater der Gesellschaft

Netzeitung 24. Mai 2005 07:34

Von Manuel Karasek

Joachim Helfers Romane kommen ohne die absichtslosen Charaktere der Popliteratur aus. Auch seine neuen Novellen beweisen, dass uns klassische Figuren etwas vom Theater des wahren Leben erzählen können.

Es ist eine wahrhaft geologische Passion, die den jungen Florian König sich in Betrachtung von "Proben von Samtblende, Nadeleisenerz und braunem Glaskopf" versenken lässt. Die Sätze in Joachim Helfers Novelle, die schlicht "Die Steine" heißt, ringeln sich in nahezu überempfindlicher Hypergenauigkeit um die Objekte. Ohne auf einen Leser zu achten, den sich manche Autoren gerne als auf leichte Verständlichkeit programmiert vorstellen, scheint da ein faustisch gestimmter Schriftsteller - Jahrgang 1964 - mit den Urelementen zu hantieren.

Was hält die Erde in ihrem Innersten zusammen: Ist es das "Eisenhydroxid" oder die "Zeolithgruppe der Silikate", oder gar das "Goethit"? Letzteres Mineral ist, "so stand es geschrieben im Bestimmungsbuch", nach einem Naturforscher benannt worden. "Die Steine" ist eine von drei Novellen in Joachim Helfers neuem, von einer eleganten Sprachwucht getragenen Buch "Nicht zu zweit".

Wir erfahren zunächst einmal: Da liebt einer die Steine. Gut, aber liebt er vielleicht eine Sache oder eine Person nicht doch mehr? Beispielsweise den Großvater, einen Landgerichtspräsidenten i. R., mit dem der Enkel 1972 beispielsweise olympisches Turnen besuchte. "Na!" und "So!" raunt der Rentner gerne zu Beginn und am Ende seiner Sätze. Er nimmt Florian mit in die Villa des Münchener Malerfürsten Franz von Lenbach und erläutert, dass die Gemälde hier alle vom "Blauen Reiter" stammten.

Der junge König aber sieht lediglich gelbe Rehe und rote Pferde. Im Rubens-Saal in der Alten Pinakothek betrachtet er zusammen mit dem "Alten" überlebensgroße Schenkel und Brüste. Schwindlig wird ihm von den "unnatürlich rosig und fett blühenden Leibern", die von allen Wänden auf ihn herabzustürzen scheinen.

Die Novelle nimmt die charakteristische Perspektive des Kindes ein, das den Großvater an einem Abend das erste Mal im Smoking und die Mutter in festlicher Kleidung sieht, weil beide in die Oper wollen. Der bei solchen Gelegenheiten vermisste mütterliche Gute-Nacht-Kuss gehört zu den Ur-Motiven der literarischen Moderne. Er bekümmerte einst den Ich-Erzähler in "Combray", im ersten Band von "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Mit proustianischer Inspiration beschreibt Helfer in seiner Novelle so den Smoking seines Großvaters, die schwarze Seide an den Aufschlägen, Hosennähten und am Zylinder, den weißen Schal, der ebenso weiß ist wie die Hemdbrust und die Handschuhe.

Bei der Abschiedsszene beugt sich die Mutter zum Kind herab, und erklärt: "Sei bitte brav und mach der Oma kein Theater!", als spräche sie "mehr ins Publikum als zu ihm", gibt ihm einen "Gute-Nacht-Kuss ihrer Schminke wegen weniger", da fühlt der Junge was - etwa Trauer? Nein, "da wurde ihm wunderbar kalt und leicht ums Herz", schreibt Helfer. "Am Ende war alles, der ganze Menschenzirkus, nur Theater."

Der Fin-de-Siecle-Mensch Marcel Proust war noch beseelt von der Tradition französischer Romantik. Heute kann - das hört man aus solchen Passagen heraus - nicht einmal ein Kind uneingeschränkt für die Echtheit der Emotionen schwärmen. So heißt es dann auch, dass die "Gefühle nicht wirklicher als die Flöhe" eines Flohzirkus seien, "deren Kapriolen die Mutter ihm früher zum Einschlafen vorgegaukelt hatte." Und ein andermal ahnt Florian König, dass die Begriffe "einem nicht nur die Welt auf Abstand rücken können, sondern, jedenfalls wenn man sie ausspricht, auch die anderen, also frei machen oder einsam."

Es ist aber gerade diese Einsamkeit, die die Hauptfiguren von Joachim Helfers Erzählband charakterisiert. Es ist ihre Melancholie, ihr fast unstillbarer Hunger nach dem Schönen, der wiederum der Sprache Helfers die Kraft verleiht. Und oberflächlich betrachtet wirken seine Figuren manchmal wie Fin-de-Siecle-Gestalten, in deren wehmutsvollen Weltbildern sich Todessehnsucht mit dem Ideal des Schönen paarte.

Wer da also an das Weltleiden in den Erzählungen von Thomas Mann und Hofmannsthal denkt, dem dürfte allerdings erstaunlich erscheinen, dass die Hauptfiguren aus den beiden anderen Novellen - der Antiquitätenhändler Maitre Cohn und ein namenloser Starchoreograph aus Kanada - nichtsdestotrotz eine irritierend-wohltuende und ganz gegenwärtige Coolness und Lockerheit ausstrahlen.

Einerseits ist Joachim Helfer also ein durchaus traditionsbewusster deutscher Schriftsteller, anderseits verfügen seine Beschreibungen und Sprachgesten über einen mediterranen Funken, einen wunderbar, sich aus Beobachtungen speisenden Witz: "Die Leute lieben hier ihre Regeln", heißt es beispielsweise in der ersten Novelle "Ein Tanz" über den Blick des Protagonisten auf die Einheimischen, sie "halten gerne minutenlang vor der Ampel an einer weithin unbefahrenen Kreuzung in einem Ernst, der vielleicht religiös ist, er versteht davon nichts."

Der davon nichts zu verstehen behauptet, ist ein bekannter Choreograph aus Kanada, der in Deutschland arbeitet und die eigentlich "untanzbare Musik" von Haydns Oratorium "Die Schöpfung" in glückliche und wahre Bühnengesten umzugestalten versucht. Ein "vielleicht allzu großer Stoff", so befindet er schließlich, und fliegt, weil er als Juror für einen Nachwuchswettbewerb eingeladen ist, nach Genf, ein wenig erleichtert, sich von seiner kleinen Krise erholen zu können.

Wunderbar, wie Helfer das Ballettmilieu und die Skrupel des Starchoreographen beschreibt. Wie schwer er sich noch vor Jahren als Jurorneuling getan hatte, die laufenden Nummern vom Laufzettel zu streichen. "Weil ja hinter der Nummer auf jeder Brust auch ein Herz schlug! Bang, bang und voll Hoffnung!" Aber jetzt "verzog ihm die Scham über seine einstige Sentimentalität das Gesicht zu einem Lächeln", denn er hatte genug Gescheiterte gesehen, die "nach zwanzig Leidensjahren ohne Beruf und Abschluss, dafür mit zerstörten Bandscheiben, Gelenken, Bändern" dastanden.

Während er also derart über die schwer nachzuvollziehenden Schrittfolgen des Schicksals brütet, erblickt er unter den Teilnehmern einen Jungen, der übers ganze Gesicht strahlt, als ob er keine Prüfung vor sich hätte, mit großen Lippen und Zähnen - und mit "theatralisch großen Locken", wahrscheinlich einen US-Boy. Der Pianist - "mehr ein Uhrwerk" - haut in die Tasten, die Ballettmeisterin - "ein erloschener Etoile der Pariser Oper" - gibt ihre Anweisungen und das "Honigkuchenpferd" tanzt - und wie. Der Kanadier ist mehr als fasziniert, schaut nach, wie der Junge heißt: Kolja Myrdin, er kommt aus Kaliningrad.

Beim Halbfinale dann jedoch die Überraschung: "Wer es bis dahin geschafft hatte", erzählt Helfer, "durfte sich in den beiden Schlussrunden in der Lieblingsrolle aus dem klassischen Repertoire zeigen." Der "Rauschgoldengel" mit der Nummer 104 tritt - der Kanadier fasst es nicht, will am liebsten "Mon Dieu" ausrufen - als nackter, vom Kopf bis zu den Zehen vergoldeter Spartakus mit güldenem Pfeil samt Bogen auf - und fällt durch. Trotzdem nimmt sich der Starchoreograph, da er ja nun bereits verliebt ist, des Jungen an, der sich im Laufe der Zeit als zwar weiterhin hochbegabter, wenngleich auch leicht undisziplinierter Tänzer zeigt.

Gegen den Trend der deutschen Gegenwartsliteratur begreift und beschreibt Helfer seine Figuren in ihren emotionalen Gefügen. Nimmt man etwa Andreas Maiers, in diesem Frühjahr veröffentlichten und mit Lob versehenen Roman "Kirillow" als Vergleich, erfährt man, wie der Zeitgeist tickt. In "Kirillow" gibt es zwei junge Leute - Olga aus Russland und Julian aus Deutschland - die in einer wodkatrunkenen Nacht, obwohl sie sich beide mögen und wahrscheinlich gerne miteinander schlafen würden, erklären, das Schlimme am Leben sei, überhaupt etwas zu wollen. Die beiden werden jedenfalls nicht zueinander kommen.

Das ist deswegen so charakteristisch, weil diese bemühten Absichtslosigkeiten auch die Figuren von Christian Kracht und Judith Hermann prägen, immerhin Autoren, die große Bucherfolge erzielen konnten und als Stimmen ihrer Generation gelesen wurden. Helfer konnte in der Blütezeit der Popliteratur mit seinen meisterhaft geschriebenen Romanen "Du, Idiot" und "Cohn und König" und ihren beinahe klassischen Figuren solche Erfolge nicht für sich verbuchen.

Das liegt zum einen an seinem womöglich etwas aristokratischen, nahezu großbürgerlich anmutenden Thomas-Mann-Gestus, der seiner Eigenständigkeit keinerlei Abbruch tut. Wichtiger aber dürfte sein, dass seinen Figuren nicht die "Philosophie der Antriebslosigkeit" als innerweltliches Muster bundesrepublikanischer Saturiertheit anhaftet. Bei Judith Hermann heißt es einmal so schön: "Das Spiel hieß: sich so ein Leben vorstellen."

Helfers Figuren hingegen wollen sich kein mögliches Leben vorstellen, sondern wollen ihr eigenes kennen lernen, es leben, und zwar bis zur Neige. Sie, die als moderne Individuen noch über eine Psyche, und also auch Wünsche und Begehren verfügen, sind sich der Komplikationen, die der stetigen Annäherung an das eigene Leben mit sich bringt, voll bewusst. Eine der schönsten Stellen befindet sich in der ersten Novelle des Buches. Dem Choreographen geht dort ein Satz durch den Kopf. "Man tanzt immer um sein Leben", lautet er. "Solchen Stuss sagte man zu Anfängern", kommentiert er ihn zwar. Doch irgendetwas berührt den Mann an der schlichten und pathetischen Sentenz und er erkennt: "um sein Leben zu tanzen hieß ja auch, dieses niemals zu betreten".

Joachims Helfers Novellen sind Paläste der Bildung - vor allem der Herzensbildung. Keine ermüdenden geisteswissenschaftlichen Besserwissereien werden ausgebreitet, sondern ein unprätentiöses Schwelgen in Sprache und Gelehrsamkeit durchdringt sie. Letztere wird als Teil eines ästhetischen Kosmos begriffen, als Teil eines Programms klassisch-humanistischer Pädagogik. Gerade in der letzten Novelle "Die Steine" hält Helfer virtuos das Gleichgewicht zwischen einem Erinnern, das, wenn es um die Kindheit geht, uns mehr als oft belügt, und einem Erinnern, das sich - der Genauigkeit wie der Schönheit zuliebe - präziser Sprachbemeisterung bedient.