"Nicht zu zweit"- Drei Novellen von Joachim Helfer

Deutschlandradio 22. März 2005

Von Carsten Hueck

In Deutschland bezeichnete der aus dem Italienischen stammende Begriff Novelle ursprünglich eine Zeitungsneuigkeit. In der Romantik unter Einfluss des Spielerischen und Phantastischen war sie Mittel zur Poetisierung von Wirklichkeit. Heute verbinden wir mit der Novelle die kleine erzählerische Form.

Sie weist dramatische, anekdotischen Elemente und eine subjektive Perspektive auf - rund um das Ereignis einer "unerhörten Begebenheit", das Goethe als konstituierend für die Novelle ansah. Joachim Helfer, einer der gebildetsten Autoren seiner Generation, hat sich, nach drei Romanen, nun dieser traditionellen literarischen Form zugewandt: "Nicht zu zweit", so der Titel seines neuen Buches, vereint drei Novellen. Wer Werke des vierzigjährigen Autors kennt, wird sich in den Hauptfiguren unschwer an das Personal vorausgegangener Bücher erinnert fühlen. Väterliche Liebhaber in bürgerlich bis großbürgerlich kultiviertem Ambiente, aber auch Außenseiter und Unangepasste. Männer mit Sinn für Schönheit, deren Verstand, Lebenserfahrung und gesichertes Dasein unerwartet durch den plötzlichen Einbruch eines sinnlichen Reizes herausgefordert wird. Eine von Helfers Hauptfiguren, Maitre Cohn, ein Pariser Kunsthändler, ist dem Leser schon seit dem zweiten Roman des Autors bekannt, "Cohn&König" von 1998.

Jede der drei Novellen ist eine Liebesgeschichte, in der Liebe und Leidenschaft nicht voneinander zu trennen sind. Jede erzählt davon, dass Liebe immer klüger ist, als derjenige, der sie empfindet, und auch als derjenige, der sie auslöst.

In der ersten Novelle "Der Tanz" inszeniert Helfer die Begegnung eines berühmten, älteren Choreographen mit dem russischen Balletteleven Kolja. Bei einem Wettbewerb in Lausanne, kurz vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion, ist der Meister sogleich von der kraftvollen und charmanten Art des jungen Russen begeistert. Allein er sitzt in der Jury und weiß sich zu beherrschen. Als jedoch Kolja ausscheidet und nicht nach Russland zurückkehren will, berühren sich unvermittelt zwei Welten. Die des welterfahrenen, bereits liebeswunden, älteren Mannes und die des ungeformten, halb naiv, halb instinktiv agierenden Jungen. Im Hotelzimmer des Stars bittet Kolja um politisches Asyl. Mit den offiziellen Stellen wird ein Agreement ausgehandelt, Kolja im Zuge dessen zu einem späteren Zeitpunkt als Stipendiat vom Meister nach Deutschland eingeladen. Noch glaubt der alte Tänzer sich durch Geographie und Standesunterschied geschützt. Aber als Kolja dann schließlich das von ihm geführte Ballettinternat in Deutschland besucht, muss sich der Choreograph seinen Gefühlen stellen. Helfer beschreibt das Umgarnen, den Wechsel von Anziehung und Abstoßen, von Nähe und Distanz tatsächlich wie einen Tanz. Diese Novelle ist ein literarischer pas de deux vom Feinsten.

Wie in dieser, so agieren auch in den beiden anderen Novellen die Figuren selbst bestimmt - doch wirken sie gleichzeitig wie von unsichtbaren Fäden des Schicksals gelenkt. Joachim Helfer zeigt die Welt als Vorstellung und Modell, sicherlich elitär in Anspruch und Form. Lange Satzperioden zeichnen sein Schreiben aus, präzise Verschachtelungen, eine auf den ersten Blick irritierende Montage. Zeiten und Orte schiebt der Autor ineinander, Vergangenheit der Figuren und Gegenwartserlebnis sind miteinander verschlungen. Das reicht von Erinnerungen eines emigrierten jüdischen Kunsthändlers an der Cote d'Azur bis zu denen einer Mutter in Kaiserslautern an die Flucht vor den Russen 1945. Helfer bietet dem Leser ein Panorama an. Man muss sich vergewissern, immer wieder neu orientieren. Das mag auf den ersten Eindruck mühsam klingen, ist es sicherlich auch, enthebt aber Text und Leseerlebnis von allseits gewohnter Banalität. Joachim Helfer orientiert sich am traditionellen, bildungsbürgerlichen Kulturbegriff. Anregend, mit distinguierter Souveränität, verflicht er in seinen Novellen Kenntnisse aus Kunstgeschichte, Geologie, Mineralogie, Astronomie und europäischer Geistesgeschichte. Sein Erzählton klingt dabei manchmal wie aus einer anderen Zeit. Und doch finden die Geschichten ihren Raum ganz im Hier und Jetzt.