Gibt es eine "Verschwulung der Welt"?

Die Welt, 20.Januar 07

Von Marko Martin

Der Beiruter Romancier Rashid al-Daif und der Berliner Autor Joachim Helfer haben gemeinsam ein Buch mit dem Titel "Die Verschwulung der Welt" geschrieben. Al-Daif packt seine gesamten Vorurteile gegen Homosexuelle aus - und sorgt für explosiven Diskussionsstoff.

Von Austauschprogrammen für Schriftsteller ist meist nicht viel zu erwarten - wenn man einmal von offiziellem Getöse, organisierten Lesungen und Texten mit obligatorischen Bausteinen la "Interkulturalität" und "Dialog" einmal absieht. Eine Ausnahme von dieser unrühmlichen Regel gibt es: den "West-Östlichen Diwan", der für ein paar Wochen deutsche Autoren in arabische Länder und arabische Autoren nach Deutschland schickt.

Man kann das etwa an Michael Kleebergs literarischem Libanon-Tagebuch "Das Tier, das weint" oder an der Marokko-Prosa Ulrike Draesners ablesen; umgekehrt wurden die wunderbar filigranen Gedichte von Abbas Beydoun erstmals im deutschen Sprachraum bekannt, wie auch der Beiruter Romancier Rashid al-Daif durch Kleebergs Tagebuch-Notate den hiesigen Lesern näher rückte.

Gut und schön, mag man da sagen. Umso mehr, als eben jener Rashid al-Daif nun mit dem Berliner Autor Joachim Helfer zusammengespannt wurde und dabei ein vierhändig geschriebenes Buch entstand. Allerdings: Nur im deutschen, soeben bei Suhrkamp erschienenen Text ist diese "Rede gegen Rede" nachzulesen.

Die Beiruter Ausgabe unter dem Titel "Wie der Deutsche zur Vernunft kam" beinhaltet lediglich al-Daifs Beobachtungen während seiner Zeit in Berlin und Helfers Aufenthalt im Libanon. Warum das so ist? Weil das deutsche Buch den Titel "Die Verschwulung der Welt" trägt und weil - und hier verlassen wir endgültig die Inzucht-Welt des gängigen Literaturbetriebs - nicht nur im Titel genügend Explosivstoff steckt, um jeden politisch korrekten Seifenblasen-Dialog in die Luft gehen zu lassen.

Von was nämlich reden wir, wenn wir von der Konfrontation zwischen Okzident und Orient sprechen? Von wohl allem, nur nicht von Sex. Dabei ist er die unverzichtbare Chance zu wirklicher kultureller Durchdringung. Glaubt man der Mehrzahl der tagebuchführenden Autoren deutscher Herkunft, so verliefen deren Auslands-Aufenthalte stets absolut keusch - leider spricht viel dafür, dass die Nicht-Erwähnung diesbezüglicher Erfahrung auf tristen Tatsachen beruht. Nun ist allerdings, was jeder zumindest im Betrieb weiß, Joachim Helfer homosexuell, dazu noch ein Romancier, der die seelischen und ästhetischen Folgerungen jener nicht allein sexuell zu verstehenden Lebensform skrupulös auslotet. Wie wird sein Beiruter Kollege darauf reagieren?

"Soll er doch homosexuell sein! Vielleicht könnte ich von dieser Erfahrung ja profitieren, denn schließlich interessiere ich mich für alles, was mit Moral zu tun hat, insbesondere mit Sexualmoral, und schreibe darüber." Also ein intellektuelles "Come together" ähnlich der globalisierten Zigarettenwerbung?

Raschid al-Daif bleibt erst einmal auf der Hut. Er springt in Berlin vom Sofa auf, um nicht allzu nah an Joachim Helfer zu sitzen. (Der interpretiert dies zuerst als verständliches Distanzhalten eines erfolgreichen Romanciers gegenüber seinem jüngeren Kollegen.) Immer wieder erwähnt er seine Freundin und nestelt an den Hemdärmeln herum, um seine behaarten Handrücken zu bedecken, denn diese - so hört man, so sagt man, so plappert man's eben nach - erregen Homosexuelle angeblich besonders.

Wer in der Zeit von al-Daifs Berliner Aufenthalt diesen für die Verhältnisse seines Landes äußerst offen-provozierenden Autor getroffen, dabei jedoch ein eher schütteres Männlein vor sich gesehen hat, könnte über diese Angst vor der Magnetwirkung eigener Maskulinität nur lachen.

Gerade das tut Joachim Helfer nicht. Stattdessen findet er in den Aussagen allerlei kulturell vorgeprägte (Miss-) Verständnismuster. Eingedenk der Tatsache, dass die Emanzipation auch in Europa noch jüngeren Datums ist, spricht er von "Ungleichzeitigkeiten" und "Anachronismen".

Dieser Ansatz ist freilich das Gegenteil von Werterelativismus. Gerade wer den anderen nicht in dessen Kultur einsperrt (und diese nicht als unwandelbar fehldeutet), kann die Universalität der Menschenrechte plausibel und effektiv vertreten: die Gleichberechtigung von Mann und Frau etwa oder die Legitimität lesbischer oder homosexueller Beziehungen. Bei seinem Gegenbesuch in Beirut fand Helfer dann ohnehin heraus, dass dort - freilich oft kaschiert - schwule Begegnungsorte existieren. Deren Besucher sind selbstverständlich ebenso gestandene Libanesen wie der seine Männlichkeit ostentativ betonende Rashid al-Daif.

Während dieser jedoch (schreibt Helfer) bei deutschen Frauen zuerst die Brüste und dann erst die Gesichter wahrnimmt, wird jener (schreibt al-Daif) rot, wenn er in Museen, Restaurants oder auf der Straße junge Männer mit seinen Blicken verfolgt. Derlei aussagekräftiges Pingpong hat mitunter Woody-Allen-Niveau. Interessant dabei, dass auch der so aufgeklärte und ironisch distanzierte Universalist Helfer plötzlich zum pikierten Germanen-Verteidiger wird, wenn sein libanesischer Kollege etwa das Charme-Defizit hiesiger Männer und Frauen thematisiert.

Liegt aber wirklich nur an der rückständigen Perspektive eines Arabers, der eben nur in Hierarchien denke? Könnte es nicht vielmehr sein, dass viele junge deutsche Männer tatsächlich erbarmungswürdig amorph daherkommen, dass so manche Frau Ruppigkeit und habituelle Nachlässigkeit als Zeichen von Unabhängigkeit demonstriert? Wer meint, ein Kokettieren mit Schönheit und subtile Verführungskunst seien in einer Demokratie nicht mehr uneingeschränkt möglich, sollte einmal über einen Pariser Boulevard oder - besser noch - über die Strandpromenade von Tel Aviv lustwandeln.

Überdies sind es nicht solche Episoden, aus denen das Buch seine Explosivkraft schöpft. Helfer, der während der wochenlangen Begegnungen zum Studienobjekt seines Kollegen geworden ist, entdeckt mit der Zeit in vermeintlich harmlosen Traditionalismen die gesamte arabische Gesellschaftsstruktur.

Was zum Beispiel bedeutet die in jenen Ländern immer wieder litaneihaft vorgetragene Behauptung, "man" sei nicht homosexuell, solange man "aktiv" sei - und dies besonders beim Sex mit Touristen? Ist das nur halb peinliche, halb rührende Großmäuligkeit? Ist es nicht eher doch, wie Helfer schreibt, "das Verlangen, die eigenen Minderwertigkeitsgefühle Europäern gegenüber durch eine als erniedrigend gemeinte Sexualpraktik abzureagieren"? Der deutsche Autor erkennt: "Die Verachtung des Homosexuellen in der arabischen Welt ist ... nicht zu trennen von der Verachtung der Frau, wird gegenüber dieser nur noch gesteigert um den Hass auf den Verräter, der sich zu den Verächtlichen schlägt, obwohl er von Gott als Verächter geschaffen wurde."

Nebenbei: Der frankophone Rashid al-Daif ist kein islamistischer Dunkelmann - es handelt sich um einen säkularen maronitischen Christen mit marxistischer Bürgerkriegs-Vergangenheit. Leider ist Helfer größtenteils mit sich selbst beschäftigt, in der freilich nicht unberechtigten Annahme, über sich zu sprechen heiße auch, die geistigen Grundlagen des Westen zu thematisieren. So zeigt er kein nachfragendes Interesse, um die Parallelen zwischen orthodox-linkem und traditionellem Denken zu entdecken. Auch die Neugier angesichts des politisch und sozial überaus fragilen Libanon im Jahre 2004 scheint sich in engen Grenzen zu halten.

Das ist einerseits schade, andererseits womöglich aber auch eine kluge Selbstzurücknahme, da es ohnehin schon genug verminte Themen gibt. Raschid al-Daif etwa schreibt: "Mir geht es darum, ganz ohne Moral gesprochen, dass eine Gesellschaft, die homosexuelle Beziehungen so festschreibt, dass sie der Ehe zwischen Mann und Frau gleichgestellt sind, gewissermaßen akzeptiert, dass sie verschwindet und vergeht. Dies gilt insbesondere für die deutsche Gesellschaft."

Nun ist derlei Unsinn (die heiratswillige Minderheit innerhalb der schwulen Minderheit als Bedrohung für die heterosexuelle Majorität) ja auch "bei uns" noch mitunter zu hören: von Landtagshinterbänklern oder chronisch frustrierten konservativen Kolumnisten. Im Libanon handelt es sich um die Meinung der Mehrheit. Dort macht ein verblüffter Joachim Helfer anhand von Schwimmbad-Duschen eine äußerst merkwürdige Beobachtung: "Einzelne, fest verschlossene Kabinen, die Wände aus Milchglas, gerade opak genug gewählt, um von außen erkennen zu können, dass dort nur ein und nicht etwa zwei Schatten stehen.

Als ich dann beim Hinausgehen feststellte, dass es neben der Umkleide für Männer auch eine für Knaben zwischen dem 12. und 18. Lebensjahr obligatorisch vorgeschriebene gab, packte mich leises Gruseln. Konnte es sein, dass diese Leute, von denen Rashid behauptet, dass sie Homosexualität für ein Phänomen des dekadenten westlichen Auslands halten, in Wahrheit geradezu besessen davon sind und in ständiger Panik vor einem Dämon leben, der sie beim Anblick jedes auch nur halbnackten Mannes oder gar Jünglings unabwehrbar überwältigen müsste?" Man könnte dies auch auf die Frage nach dem Kopftuch für Frauen erweitern, deren Verfechter das weibliche Geschlecht angeblich nur schützen wollen. Präsentieren sie sich nicht gerade damit als potenzielle Vergewaltiger?

Dennoch erweckt im Laufe der Lektüre der überforderte Herr al-Daif eine gewisse Sympathie. Schließlich steht hinter seinen unfreiwillig archaisch anmutenden Statements oft genug ein Fragezeichen oder ein Klammersatz ("Bin ich tatsächlich so traditionell?"). Sein Wille zum Verstehen des ihm recht verwickelt Anmutenden ist offensichtlich, während Joachim Helfer mitunter vielleicht zu routiniert und unbarmherzig das intellektuelle Interpretations-Besteck klappern lässt: als wollte er dem Araber einmal so richtig zeigen, was so alles an Verdrängtem aus ihm spricht, wenn er spricht. Andererseits erkennt er die progressive Haltung seines Kollegen innerhalb des libanesischen Rahmens an und entwirft ein Credo, wie es schöner und würdevoller nicht sein könnte: "Wo es Sitte ist, Menschen und ihre Handlungen pauschal, also nach Maßgabe einer auf welches Merkmal auch immer begründeten Identität, statt situativ, kasuistisch, also im eigentlichen Sinne moralisch zu beurteilen, muss der Dichter und Denker gegen die Sitte verstoßen; oder vielmehr, ob mit Worten oder Taten, der Gesellschaft Anlass bieten, diese Sitte als böse statt gut zu erkennen und sie abzulegen. So macht es Rashid, und so mache auch ich es."

http://www.welt.de/data/2007/01/20/1181749.html