West-östliche Diven

Von Volker Weidermann

Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, 14. November 2006

Dieses Buch fährt wie ein Blitz in eine dunkle Welt hinein. In eine Welt, die dominiert wird von Haß und Krieg und Terror, einem weiteren und immer weiteren Auseinanderdriften der westlichen und der arabischen Welt auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite wahnsinnig aufgeklärten Kulturdialogen einer aufgeklärten Intellektuellenschicht, die sich bei allen möglichen deutsch-arabischen Kulturaustauschanlässen gegenseitig auf die Schultern klopft, sich aufgeklärt und tolerant gibt und alle Unterschiede negiert.

Dieses Buch verschweigt nichts, kein Vorurteil, keine Intimität und kein Klischee. Mehr als einmal, das bekennt einer der Autoren am Ende des Buches, werden hier die Grenzen des guten Geschmacks verletzt, mehr als einmal staunt man als Leser über diese Offenheit. Über diese Geschichte. Es ist ein Märchen aus der Welt der Wirklichkeit, eine wahre Geschichte, die auf zwei unterschiedlichen Planeten zu spielen scheint. Lebendige Literatur.

Es beginnt, wie es langweiliger nicht beginnen könnte. Zwei Schriftsteller, ein Libanese und ein Deutscher, werden für das Autorenaustauschprogramm West-östlicher Diwan ausgewählt, ein Programm, das regelmäßig deutsch-arabische Autorenpaarungen zusammenstellt. Jeder ist für sechs Wochen im Land des jeweils anderen zu Besuch, und der Gastgeber zeigt dem Kollegen seine Welt, seine Kultur, sein Land. Im Jahr 2003 war das der fast sechzigjährige libanesische Erfolgsautor Rashid al-Daif und der um zwanzig Jahre jüngere, bislang noch weniger erfolgreiche Deutsche Joachim Helfer. Beide haben ihre Erlebnisse aufgeschrieben, haben ein Porträt des jeweils anderen angefertigt, es wurden schonungslose und zugleich liebevolle Porträts von Vorurteilen und Klischees, von kulturellen Beschränktheiten des anderen und ihrer selbst.

Al-Daif machte den Anfang. Er schrieb die sehr intime Geschichte Joachim Helfers auf, und als der Leiter des Programms, Thomas Hartmann, Helfer den übersetzten Text vorlegte, sagte er dazu: "Das kann natürlich nie erscheinen. Das wirst du nie zulassen und kannst es auch gar nicht." Doch Helfer konnte. "Bücher verbietet man nicht", sagt er im Gespräch. "Egal wie und was: Bücher dürfen unter keinen Umständen verboten werden."
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Alles fängt damit an, daß Thomas Hartmann Rashid al-Daif seinen deutschen Austauschpartner vorstellte. Bei Daif liest sich das so: "Er erwähnte seine Werke, sagte mir etwas über seine Tätigkeiten und dergleichen mehr. Auffallend war aber, daß er nachdrücklich darauf hinwies, daß dieser Schriftsteller homosexuell sei! Als ich merkte, daß er bei diesem Thema blieb, sagte ich, daß dies seine Sache sei und mich nichts anginge." Daif wundert sich, warum darauf so eindrücklich hingewiesen wurde, erklärt es sich mit seiner arabischen Herkunft und daß man ihm vielleicht gerade noch rechtzeitig die Möglichkeit geben wollte, den Austausch unter diesen Umständen abzusagen oder einen anderen Austauschpartner zu verlangen. Doch Daif weist das als aufgeklärter, säkularer Libanese und Kommunist natürlich zunächst weit von sich. Aber bald schon kann man lesen, wie sich in seinen Gedanken, in seinem Text doch langsam Zweifel bilden, ob ihn diese Information nicht doch mehr beunruhigt, als er zunächst zugeben wollte.

Und sie beunruhigt ihn mehr. Viel mehr. Und die Geschichte beginnt. Die Geschichte eines heterosexuellen Arabers, der den Besuch seines schwulen deutschen Kollegen in seiner Heimatstadt Beirut nicht nur dazu nutzen will, ihm Land und Kultur zu zeigen, sondern vor allem, um ihn auf den Pfad der Tugend zurückzubringen. Auf den Pfad der Frauenliebe und der Fruchtbarkeit.
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Mit allen Tricks versucht er seinen Freund von seinem "Gebrechen" zu heilen, und - gegen Ende von Helfers Aufenthalt im Libanon, an einem Morgen, an dem die beiden Schriftsteller sich zu einem Ausflug in die Berge verabredet hatten, fragt Daif den überraschend schweigsamen Freund: ",Was ist los mit dir? Erzähl!' - Und er erzählte! Ich hätte unmöglich erraten können, was er mir von jenem Abend zuvor berichten würde. Er sagte: ,Ich bin gestern abend Vater geworden.'" Was für ein Schock und Segen für Daif, der das alles natürlich zunächst nicht glauben kann: "Ich sagte, er solle doch erst einmal abwarten, doch er meinte, das spiele keine Rolle. Mein Gott, dachte ich, was ist denn passiert? Ist Deutschland in einer einzigen Nacht ,in Ordnung' gekommen?" "Deutschland", schreibt Daif. Und "Ordnung". Es geht ihm um mehr als dieses eine, sonderbare Ereignis, daß ein schwuler deutscher Dichter, der seit über zwanzig Jahren mit einem wesentlich älteren Mann in einer festen Beziehung lebt, im Libanon plötzlich und über Nacht ein Kind zeugt. Es geht ihm um Politik, um Identitäten und Moral.

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Vor diesem Hintergrund belauern und beschreiben sich die beiden Protagonisten. Daif sieht in Helfers Verhalten überall nur Egoismus, Sexsucht und Unvernunft. Helfer hingegen beschreibt Daif als besessenen Frauenhelden, der von ihren Reizen geradezu "abhängig wie ein Säugling" sei, und als einen Mann, der an fremden Kulturen nicht wirklich interessiert sei. Einmal beschließt Helfer, ihm das wahre Deutschland zu zeigen, das alte, traditionsreiche Deutschland und fährt mit ihm nach Bamberg, besichtigt mit ihm den romanischen Dom, "den schon die Botschafter Saladins am Barbarossa gesehen hatten, die Häuserzeilen am Ufer der Regnitz, die noch genauso aussieht wie auf einem jener Aquarelle Dürers, mit denen Landschaftsempfindsamkeit in die europäische Malerei kam." Und vieles mehr. "Ça, c'est l'Allemagne!" ruft er stolz aus. Doch Daif lächelte nur und gab bei der Weiterfahrt im ICE, in die bequemen Polster gelehnt, lächelnd zurück: "Ça, c'est l'Allemagne!"

Das macht dieses Buch über weite Strecken so schön und lehrreich und angenehm zu lesen: daß hier zwei aufgeklärte, sich ihrer Rolle und ihrer Gefangenheit in der eigenen kulturellen Identität durchaus bewußte Menschen miteinander und übereinander sprechen, die sich ihrer Vorurteile mitunter bewußt sind und den anderen mit ihrem Begriffsraster, ihrem unterschiedlichen "Alphabet", wie Daif es nennt, beschreiben. Ohne zu beschönigen und lockerzulassen, aber auch fast immer mit Ironie. Zwei entschlossene, aber eben auch ironisch selbstbewußte Kämpfer, die miteinander sprechen ohne "den so falschen wie bequemen Toleranzbegriff des post-totalitären Westens, der einfach alle Unterschiede leugnet".

An zwei Stellen im Buch wird es allerdings bitterernst. Der erste Moment ist beim Besuch des Jüdischen Museums in Berlin, bei dem Daif die jüdischen Opferzahlen als Propagandalüge zu entlarven versucht, während Helfer beim Betrachten einer Weltkarte, die ein kleiner Junge am Vorabend seiner Flucht aus Deutschland gezeichnet hat, den Tränen nahe ist. Hier gibt es keine Verständigung, nur Schweigen: "Manchmal muß man den Mund halten, um einen Dialog fortsetzen zu können", sagt Helfer.

Die anderen Momente sind jene, in denen es um die Tatsache geht, daß Homosexuellen in arabischen Ländern jahrelange Haftstrafe und in manchen auch Folter und Tod drohen. Auch im traditionell liberaleren Libanon denunziert die Hizbullah mehr und mehr Schwule und wirft sie ins Gefängnis.

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Natürlich haben sich beide "mißverstanden", haben den anderen immer wieder beim Wort genommen und mit ihren tabulosen Beschreibungen immer wieder verletzt. Aber genau so ist große Literatur entstanden: "In dem, was Joachim mir über sich selbst erzählt hatte, fand ich etwas Literarisches, in der Art von Literatur, die ich mag, das heißt, einer Literatur, die die Freiheit bis zu ihren äußersten Grenzen erweitert." Das hätte Helfer über Daifs Text sicher auch gesagt.

Dramatisch werden die feinen Unterschiede ja auch nur dadurch, daß sich die Geschichte so dramatisch entwickelt. Daß der homosexuelle Westeuropäer ausgerechnet in der homophobsten Weltgegend eine Liebesnacht mit einer Frau verbringt und tatsächlich eine Tochter zeugt. Und daß jener Gastgeber am Ende dieser Austauschwochen die Geschichte Helfers so als eine Art Heilungsgeschichte erzählen kann, mit einem von ihm ausgedachten "Hochzeitsmahl" am Ende und einer Hochzeitsnacht mit vorbereitetem weißem Laken. Natürlich ist das Ironie. Aber an diesem dramatischen Lebenswendepunkt ist Ironie ein gewaltsamer Angriff. Denn Helfer geht es natürlich genau ums Gegenteil. Nicht um Heilung vom Schwulsein, sondern um das Ausbrechen aus einer vorgefertigten Identität. In einem Moment existentieller Einsamkeit entschließt er sich zur Vaterschaft. Das klingt in der Nacherzählung mythisch überhöht und stark verknappt. Es kamen viele Elemente zusammen, die ein solches Ereignis möglich machten. Vor allem natürlich die richtige Frau zum richtigen Zeitpunkt, eine deutsche Journalistin. Dies und noch viel mehr führte schließlich zu dem Entschluß, der keine neue Identität als rückgewendeter Neu-Hetero bedeutet, sondern eine Befreiung aus der Zuschreibung der erzwungenen Kinderlosigkeit. Helfer lebt heute wie damals mit seinem Partner in Berlin. Es kam nur jemand dazu. Am Ende des Buchs steht dies: "P.S.: ,Meine Tochter kam im Oktober 2005 zur Welt, ich durfte dabeisein und ihr die Nabelschnur durchschneiden.'" Selten war Literatur so nah dran am Leben.

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