Auch Männer können sauber machen

Ein westöstlicher Dialog über das Schwulsein

Tagesspiegel 10. Januar 2007

Von Hendrik Lakeberg

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Rede gegen Rede lautet der Untertitel des Buches, und genauso funktioniert es: Al-Daif, Atheist und im Westen studierter Akademiker, legt vor, und der offen seine Homosexualität auslebende Helfer reagiert auf die stellenweise erschreckend reaktionären Vorlagen.

Voller Schrecken denkt der libanesische Autor an seinen Besuch in Joachim Helfers Wohnung. Ein Haushalt ohne eine Frau ist für al-Daif nichts als Schmutz, Fäulnis und Gestank. Als er sich dann in einem tiptop aufgeräumten Apartment mit geschmackvollen Designermöbeln wiederfindet, ist er aufrichtig überrascht. Helfer erwidert in dozierendem Duktus mit kulturtheoretischen Analysen. Er stellt heraus, dass al-Daifs Ausführungen in erster Linie mit dessen Vorstellung von einer schmutzigen Homosexualität verbunden seien, und wagt sich an eine Analyse der hygienischen Gebräuche im Libanon und in Deutschland. Aus vielen kleinen Scharmützeln über den Alltag entwickeln sich Debatten, die streckenweise tiefgreifende kulturelle Differenzen aufzeigen.

Manchmal ächzt "Die Verschwulung der Welt" sehr stark unter der Last seines Themas: Der schnörkellose Plauderton und die kulturhistorischen Diskurse der Texte wollen nicht immer zueinanderpassen. Der Plauderton verleiht dann aber auch wieder den Debatten etwas reizend Lebensnahes. "Die Verschwulung der Welt" ist ein äußerst unterhaltsames, in seinen inhaltlichen Volten überraschendes Buch. Darüber hinaus liefert es einen erkenntnisreichen Beitrag zum Diskurs zwischen Orient und Okzident, Tradition und Moderne, der oftmals viel zu verklemmt geführt wird. Dieses Buch zu lesen hat etwas Befreiendes.