KRAUSES KLARTEXT

Haarsträubende Schwulenklischees

Von Tilman Krause

Die Welt, 20. Januar 07

Der Gesprächsband "Die Verschwulung der Welt" von Rashid al-Daif, Joachim Helfer, und Günther Orth sorgt für Empörung. Durch ihn wird nicht nur offenbar, dass der west-östliche Diwan von Grund auf aufgemöbelt gehört. Der Libanese al-Daif zeigt sich hinterwäldlerisch und voller Vorurteile.

Zu den Unvorhersehbarkeiten, die es in unserem durchrationalisierten Kulturleben doch immer noch gibt, gehört die Tatsache, dass auf einmal Bücher Debatten auslösen, von denen kein Mensch das erwartet hätte. Ein solcher Fall liegt mit dem auf der gegenüberliegenden Seite in vielen Facetten ausgeloteten Gesprächsband "Die Verschwulung der Welt" vor. Geradezu kataraktartig gehen vor allem in der alternativen "Tageszeitung" (taz) die Meinungsäußerungen und Kommentare zu diesem Buch hernieder.

Aber auch in den Berliner Salons gibt es zurzeit kein erregungsträchtigeres Thema. Das ist zwar nicht ganz unverständlich, insofern Joachim Helfer, der hier Erfahrungen mit seinem libanesischen Austauschkollegen Rashid al-Daif zum Besten gibt, eine zu Recht wohlgelittene Erscheinung des Berliner Literaturbetriebs ist.

Auch sein Konterpart ist vielen noch erinnerlich, denn der nimmermüde Mittler Helfer hatte alle, die er kannte, mit seinem Schützling bekannt gemacht. Dass aber beider Dialog die Gemüter so in Wallung versetzen würde, war nicht vorauszusehen.

Die verletzten Eitelkeiten, die der Streit um dieses Buch offenbart, sind aber mehr als Autorenanimositäten. Wenn al-Daif und Anhang sich beklagen, seine fiktionalisierten Aussagen zum Thema Homosexualität würden zum Nennwert genommen und von Helfer gewissermaßen kultursoziologisch kommentiert (statt literarisch), womit der Deutsche auch noch das letzte Wort behalte, ist das nicht ganz falsch.

Mindestens so triftig ist allerdings auch der Einwand Helfers und seiner Verteidiger, hier flüchte sich jemand in die Stilisierung zum Simpel, um seinen finsteren Vorurteilen freien Lauf zu lassen. Ob finster oder nicht, eines zeigt diese intellektuell hochgerüstete Form des Aneinandervorbeiredens jedenfalls in wünschenswerter Deutlichkeit: Der sogenannte west-östliche Diwan gehört von Grund auf aufgemöbelt, wenn er sich als Ort des Miteinanders bewähren soll - und zwar von östlicher Seite.

Die haarsträubenden Schwulenklischees, die der Libanese al-Daif in diesem Buch (re)produziert, mögen noch der Putzigkeit eines arabischen Hinterwäldlerdaseins gutgeschrieben werden. Schlimmer steht es mit der Halsstarrigkeit, die al-Daif an den Tag gelegt hat, indem er, zweimal vom Männerpaar nach Hause eingeladen, mit Hinweis auf die Abwesenheit einer "Hausfrau", sich jedes Mal standhaft weigerte, auch nur einen Bissen zu sich zu nehmen.

Während hier noch unklar bleibt, ob es am Schwulen oder am Jüdischen liegt, welches mit Helfers Lebenspartner ins Spiel kommt, dass der Gast um die Reinheit von Leib und Seele fürchtet, wird beim Besuch im Jüdischen Museum und den lauthals artikulierten Zweifeln am Holocaust und seinen sechs Millionen Opfern endgültig und unumstößlich offenbar: Hier lebt jemand, auch wenn er vor dem Hintergrund seiner Stammeskultur als "westlich" gelten darf, derart einbetoniert in Vorurteilen und Geschichtslügen, dass der Dialog mit ihm nur eines sein kann: elementare Aufklärung und geduldiges Einwirken wie auf ein kleines Kind. Natürlich muss auch ein solcher Dialog sein. Aber die ihn führen, sollten sich frei machen von allen Illusionen und ihre Frustrationsgrenzen höher ansetzen als alle Vernunft.