Was ein Mann ist

Frankfurter Rundschau, 15.11.2006

Rashid al-Daifs und Joachim Helfers west-östlicher Sexualkonflikt

Von Falk Stakelbeck

"Das Bett", so Rashid al-Daif in zugespitzter Verkürzung, sei "der Kriegsschauplatz zwischen arabischer Tradition und westlicher Moderne". Das Programm ist damit umrissen. Über den Verlauf der - zumindest diskursiven - Frontlinien hat man nach der Lektüre des nur äußerlich schmalen Bands "Die Verschwulung der Welt", dessen verschwafelter 70er-Jahre-Titel leider in eine falsche Richtung weist, einen ganz guten Überblick. Präzise und durchaus intim gewähren der libanesische Autor Rashid al-Daif und der deutsche Autor Joachim Helfer Einblick in ihre Begegnung, die gerade über ihre verschiedenen Vorstellungen und Diskurse über Sexualität schwierig wurde.

(...)

Da al-Daif Deutsch weder liest noch spricht, hat er sich von Anfang an auf die ohne Zweifel interessante Biographie seines Kollegen, insbesondere dessen Homosexualität, fixiert. Entgangen ist ihm dabei, dass Helfer seine Lebensgeschichte seit Jahren ebenso subtil wie monoman ausbeutet und so ein hochreflexives, um die eigene Sexualität kreisendes biographisch-literarisches Projekt vorantreibt. Al-Daif hat über diese Begegnung eine Studie, in deren Zentrum Helfers Homosexualität steht, unter dem Titel "Wie der Deutsche zur Vernunft kam" verfasst. Dieser Text ist zunächst mit großem Erfolg im Libanon erschienen, und der nun veröffentlichte, scheinbar kohärente deutsche Text fügt al-Daifs Studie nachträglich einen Kommentar von Helfer hinzu. Der paradoxe Effekt dieses nachträglichen Dialogs ist nun, dass al Daif dabei, wenn auch ungewollt, selbst zum Studienobjekt geworden ist.

Al-Daif köchelt die Lebensgeschichte von Helfer - der seit zwanzig Jahren mit seinem vier Jahrzehnte älteren Freund zusammenlebt, während der Begegnung mit seinem Kollegen eine komplizierte Liebesbeziehung mit einem wesentlich jüngeren Mann unterhält und in dieser Zeit ein Kind zeugt - zu einem Sud ein, in dem diese komplizierte Biographie in einem antikisierenden Schema von Initiation durch einen älteren Mann, einer Umkehr dieser Rollen zwei Jahrzehnte später und einer Einmündung in die Heterosexualität aufgeht. Dass es sich vielmehr um eine dramatische, mit vielen Irritationen verbundene Veränderung in Helfers Leben gehandelt haben wird, ahnt man bei der Lektüre seines Kommentars.

Dabei verfügt al-Daifs Stimme über die unterschiedlichsten Töne. Als köstliches Kabinettstück liest sich etwa das erste Treffen mit Helfer, bei dem al-daif sich tief verhüllt, um seine Körperbehaarung zu verbergen. Nicht ohne Ironie entlarvt er seine fixe Idee, alle Homosexuellen seien so mannstoll, dass sie auch gleich über ihn herfallen würden. Seine Ironie hat allerdings den Beigeschmack, es vielleicht doch ernster zu meinen. Anrührend schreibt er über die Ängste, sein Sohn könne homosexuell werden. Bizarr liest sich dann wieder seine Privatsoziologie, die rückläufiges Bevölkerungswachstum in Deutschland und eingetragene Lebenspartnerschaft miteinander verknüpft. Nicht zuletzt gerät seine Darstellung einer Liebesbeziehung zu einem jüngeren Mann, gerade weil al-Daif sie trotz aller Bemühungen nicht versteht, das aber nicht schreibt, zur betulichen Idylle.

Helfer scheint durch die Nachträglichkeit seines Kommentars das letzte Wort zu behalten. Er ist dadurch per se klüger als sein Gegenüber. Und er hat sich auch fest vorgenommen, das zu bleiben. Der Reiz von Helfers Text besteht gerade darin, dass er sich selten zu einer nahe liegenden Polemik verführen lässt. Manche Stellen kommentiert er einfach gar nicht. Al-Daif hat sich weit aus dem Fenster gelehnt und gibt dabei nicht immer eine glückliche Figur ab. Er reklamiert für seine Position eine universalistische Perspektive, während Helfer zeigt, dass al-Daifs Perspektive ebenso individuell ist wie die eines schwulen Mannes.

Natürlich ist die Nachträglichkeit von Helfers Kommentar problematisch, und man kann sich fragen, ob man auf diese Weise das letzte Wort behalten darf. Nur kommt es darauf an, wer spricht. Helfer, der in seinem wunderbaren Debüt Du Idiot die eigene pubertäre Angriffslust und intellektuelle Protzerei so schonungslos als Tarnung der eigenen Verletzbarkeit offenbart hat, darf das. Außerdem gehört es zu den schönen Illusionen (nicht nur) der Literatur, dass ein schwuler Mann einmal das letzte Wort behielte. Der Libanon ist, wie Helfer bei einer Lesung berichtet hat, nach dem verzweifelt-wütenden israelischen Verteidigungsschlag zu einem gespaltenen Land geworden, wo nur noch ein Für oder Wider die Hisbollah möglich ist. Eine Studie wie die von al- Daif könnte dort, in all ihrer Ambivalenz, im Moment wohl nicht mehr veröffentlich werden.