Die Moral als Schlachtfeld zwischen den Kulturen:

Darmstädter Echo, 12. Januar 2007

Der Libanese Rashid al-Daif greift seinen deutschen Autorenkollegen Joachim Helfer an

Von Andreas Müller

Es war eine der eindrücklichsten Veranstaltungen während der letzten Buchmesse. Der deutsche Schriftsteller Joachim Helfer und sein libanesischer Kollege Rashid al-Daif stellten das von beiden verfasste Buch "Die Verschwulung der Welt" vor.

Diese Präsentation belegte nachdrücklich, wie schwer, ja, wie unmöglich ein echter Dialog zwischen der islamischen und der aufgeklärt-europäischen Kultur ist. Dabei saßen sich zwei Männer gegenüber, die einer gemeinsamen Kulturform, der Literatur, verbunden sind.

Joachim Helfer konnte sich noch so sehr bemühen, ein offenes Gespräch mit Rashid al-Daif in Gang zu setzen, er erntete als Antwort lediglich die permanente Beharrung auf der gegensätzlichen, islamisch geprägten Grundposition.

Ein inhaltlicher Diskurs ergab sich nicht: weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Kernpunkt des Unverständnisses ist Joachim Helfers offen bekannte Homosexualität.

Das Buch der beiden Autoren kam zustande durch das Autoren-Austauschprogramm "West-östlicher Diwan", das Helfer und al-Daif zusammenbrachte. Jeder besuchte sechs Wochen lang die Heimat des anderen, um dessen Lebenswelt kennenzulernen.

Das hier entstandene Buch dokumentiert allerdings viel mehr das Beharren auf den jeweils eigenen Positionen. Entsprechend lautet der Titel des im Libanon erschienenen Buches von al-Daif: "Wie der Deutsche zur Vernunft kam" - und ist ein Bestseller.

Al-Daif, der eherne Weisheit und vor allem absolute moralische Unantastbarkeit für sich in Anspruch nimmt, schreibt: "Ich denke, die Moral ist das eigentliche Schlachtfeld zwischen der westlichen Moderne und uns Arabern." Deshalb ist "das Bett ein Kriegsschauplatz zwischen arabischer 'Tradition' und westlicher Moderne."

Das deutsche Buch unterscheidet sich fundamental vom libanesischen, denn in letzterem kommt ausschließlich al-Daif zu Wort, während das deutsche beide Autoren einander gegenüber stellt.

Joachim Helfer wird von al-Daid geradezu brutal schamlos verletzend bloßgestellt - so brutal, dass Thomas Hartmann, der Leiter des Austauschprogramms, eine Veröffentlichung zunächst ablehnte.

Helfer kommentiert seinerseits die Darstellung al-Daifs und ergänzt sie durch seine Eindrücke über ihn und seine Wochen im Libanon. Dabei wird deutlich, dass al-Daifs religiös-fundamentale Blickverengung so weit geht, dass er nicht einmal die in seinem eigenen Land gelebte Praxis umfassend zur Kenntnis nimmt.

Es gibt in islamischen Gesellschaften eben nicht nur die brutale Verfolgung Homosexueller, sondern auch einen homosexuellen Untergrund.

Al-Daif glaubt, im Wettkampf mit Helfer als der Überlegene hervorgegangen zu sein, den Deutschen "zur Vernunft" gebracht zu haben. Das begründet er mit dem Umstand, dass Helfer bei seinem Besuch in Beirut eine deutsche Journalistin kennenlernte, mit der er jetzt eine Tochter hat.

Allerdings offenbart das nur ein weiteres Mal die Verengung, mit der der Araber die Menschen beurteilt: Für Joachim Helfer ist durch den Umstand, Vater geworden zu sein, keineswegs seine bisherige Identität, schon gar nicht seine Partnerschaft mit einem älteren Mann abgelegt.

Es ist ein weiterer Mensch hinzugekommen, mit der Mutter sogar zwei. Diese Form der Lebensvielfalt sollte al-Daif mehr Anlass zum Nachdenken als zum allzu platten Triumph geben.

Wer nicht weiß, warum es wichtig ist, für die Werte der Aufklärung, der verantwortungsbewusst gelebten Freiheit einzutreten, der muss dieses Buch lesen.