Nichts wie es war...

Von Joachim Helfer

Rede vor dem Schriftstellertreffen "Ein Tunnel über der Spree", im Literarischen Colloquium Berlin, Dezember 2004

Ereignisse, nach denen nichts mehr so ist, wie es war: das können, auch wenn sie sich wunderbarer Weise so anfühlen, schwerlich die ersten Male von jener Sorte sein, wie das Leben sie für jeden bereithält: aber nicht etwa deshalb nicht, weil sie zu privat wären, unser Thema also notwendig politisch enggeführt werden müßte. Sondern, weil diesen ersten Erhebungen und Verwundungen des Herzens, so stolz der Dichter die dabei empfangenen Male hinterher auch vorzeigen mag, doch stets das Warten auf sie vorausging; den tastenden Schritten hinter den Horizont die Gewißheit ihres Bevorstehens. Die Begegnung mit Liebe und Tod steht und stand für jeden zu hoffen und zu befürchten; der Fall der Mauer zum Beispiel nicht.

Selbst aber, wer sich diesen vor dem Sommer 89 hätte vorstellen können: als nachträglicher Besserwisser disqualifizierte sich, wer behauptete, er hätte mit den Anschlägen vom 11.9. gerechnet, und die unvordenklichen Bilder beim ersten Hinsehen nicht als Illusion made in Hollywood gelesen.

Das Fernsehbild der Wirklichkeit sah eben nicht nur laut Feuilleton, sondern wirklich aus wie eine Filmfiktion von Roland Emmerich. Die Qualität seiner Inszenierung ließ das Verbrechen, ganz im Sinne der Täter, augenblicklich zum Zeichen mutieren, die Opfer unter wuchernden Verschwörungstheorien verschwinden. Dieselbe Irrealität des Faktischen verlieh dem Wort von Präsident Bush, daß nach den Anschlägen nichts mehr sein könne wie zuvor, jene Flügel, die es von Ground Zero bis ins LCB tragen sollten. Eine Allerweltsphrase auch dann, wenn sie sich in der Folge auf erneut unvordenkliche Weise bestätigt hat: Die Strafaktionen gegen Al-Quaida und das Talibanregime in Afghanistan waren absehbar, der Krieg gegen den Irak aber, oder vielmehr das von ihm provozierte Zerwürfnis im Westen, die de facto vollzogene Scheidung zwischen den USA und der EU, ihre sich abzeichnende zukünftige strategische Konfrontation - waren es keinesfalls. Unsere europäische Erkenntnis, daß Eroberung und Besetzung des Irak eben keine notwendige, logische oder vernünftige Reaktion auf den Angriff von Al-Quaida darstellen, macht diesen ja nicht weniger wirksam für unser Leben - ganz im Gegenteil: die irreale Anmutung des Geschehens schlägt, genau so wie von den Angreifern berechnet, um in irrationale Reaktion, zeitigt neben logischen, also nachvollziehbaren und berechenbaren auch unlogische, geradezu chaotische Konsequenzen, die uns desto stärker beunruhigen und verwirren, je kontraproduktiver sie wirken.

Als Schriftsteller erlebe ich diese Verwirrung, dies Hinabgestoßenwerden ins Chaos nihilistischer Gewalt und atavistischer Reflexe als unfruchtbar. Schreiben, wie jede Übung des menschlichen Geistes, scheint mir nur als Versuch möglich zu sein, Ordnung zu stiften. Feiern Chaos, Unvernunft und Nihilismus einen ihrer - historisch noch stets kurzlebigen - Triumphe, erlahmt die Kraft zu jenem eigentlich literarischen Widerspruch, der ja nicht im Verfassen von Kommentaren oder Versuchen wie diesem besteht.

Ganz anders beim Mauerfall: Die Distanz zum Geschehen war für mich westdeutschen Fernsehzuschauer dabei ähnlich, Ost-Berlin keineswegs vertrauter, Leipzig fremder als New York. Und doch war es dieser welthistorische Umbruch, der den in Sprachmeditationen versunkenen Mitzwanziger wachgerüttelt, den Weg zum Erzähler für ihn erst freigemacht hat.

Wie das? Was hinderte mich denn, fern vom Geschehen und von keiner Veränderung unmittelbar persönlich betroffen, so unbeeindruckt weiter zu wurschteln, wie es das Gros der westdeutschen Landsleute seither ja tut? Gewiß, der Satz, daß nun nichts mehr sein könne, wie es war, hätte im Herbst 89 angemessener geklungen als im Herbst 2001; wenn aber auch ärgste Schwarzseher nicht prophezeit haben, daß die Zwillingstürme von New York unter ihren Trümmern die Würde der Amerikanischen Republik und deren Bündnis mit Europa begraben könnten, erwiesen sich die Folgen des Mauerfalls sehr bald als so absehbar wie nach dem Bersten einer Talsperre der Weg des Wassers- deshalb ja die ständige Ungeduld jener Monate, das unausweichlich Gewordene nun rasch hinter sich zu bringen. Auch stellte diese Entwicklung aus Westperspektive durchaus keine Revolution dar, sondern bestätigte im Gegenteil die herrschenden Verhältnisse. Dennoch, und trotz der in der wirklichen Welt, also außerhalb der rhetorischen Falschmünzerei politisierender Literaten, kaum zu vermeidenden Verheerungen beim Freisetzen jahrzehntelang aufgestauter Energie: Es waren die Montagsdemonstrationen von Leipzig und der Fall der Berliner Mauer, die mich in Hamburg den Mut schöpfen ließen, das zu erzählen, was ich, zu anders verorteten, viel privateren Themen, zu erzählen hatte. Nicht um Nationalgeschichte ging es mir damals, auch nicht um die nun, frei gespült, zugänglich werdenden Wurzeln der eigenen Familie, Spuren der erweiterten Biographie zwischen Dresdener Villen und dem Zuchthaus Bautzen; dieser Themenkomplex beginnt mich erst jetzt zu beschäftigen.

Für den jungen Sprachspieler bedeutete die Offenbarung des Weltgeists in jener Zeit nur, daß er aus leerem Himmel fest daran glauben konnte, daß auch er zählen könnte: daß erzählen entweder doch noch oder nun wieder möglich sein könnte, weil der Einzelne in seinem einmaligen Geschick, in seinem unverwechselbaren Anspruch auf Glück, das bewiesen doch die oft etwa Gleichaltrigen in Leipzig, unter ihnen mein späterer Lektor, weil jeder Mensch, weil mithin selbst er: zählt! Die Geschichte war gar nicht zu Ende! Sie hatte sich eine Kindheit und Jugend lang bloß tot gestellt, unter immer dickeren Schichten von Mehltau; oder sie hatte es vielmehr geschafft, uns Lebenden weiszumachen, daß sich in unserem Leben keine Geschichte ereignen würde, jedenfalls keine, die es wert wäre, auch erzählt zu werden. Oder hatten unsere Vorfahren uns das weisgemacht, der vielen Leichen unter den weißen Westteppichen wegen? Gleichviel: Die Geschichte, meine Geschichte trat in mein Leben: das Bewußtsein, daß auch ich am Leben teilhabe, daß also etwas so privates wie der Freitod meines Jugendfreundes es wert sein könnte, in einer Erzählung aufgehoben zu werden; so ist es gekommen.