Unter der Gürtellinie

Von Joachim Helfer

Merkur - deutsche Zeitschrift für europäisches Denken Jubiläumsnummer 700: Themenheft Dekadenz, Herbst 2007

Dekadenz, so viel steht fest, ist Niedergang und Verfall - und zwar stets in einem körperlichen Sinne: Aufbauend auf der alten Versinnbildlichung des Staates als einem menschlichen Körper, versucht der Dekadenzbegriff, die vielfältigen und oftmals widersprüchlichen Vorgänge, die zum Untergang geschichtlicher Reiche geführt haben, nach dem leichter fasslichen Vorbild des Schwach- und Schlaffwerdens unserer Leiber zum Tode hin zu fassen.

Durch seine Ausweitung, erst von den Kennzeichen auf die angenommen Ursachen eines historischen Niedergangs, dann von der Beschreibung abgeschlossener geschichtlicher Vorgänge auf noch anhaltende, erst beginnende oder bloß befürchtete der Gegenwart, wird der Begriff nicht schärfer. Schwammig wie er ist, bleibt er jedoch stets beim Körper: Als Vorwurf gegen konkrete Zustände zielt er regelmäßig entweder auf den Bauch, also auf Völlerei und Trägheit - oder aber unter die Gürtellinie.

Wer eine Gesellschaft, ob die eigene oder eine fremde, der Dekadenz bezichtigt, begründet diesen Vorwurf fast immer auch und oft zuerst mit einem dort zu beobachtenden Verfall der Ordnung im Geschlechtlichen und der Geschlechterrollen. Mann und Frau werden dabei im Sinne der Dekadenzmetapher stets als grundsätzlich unterschiedliche Organe eines einzigen, gottesebenbildlichen Körpers aufgefasst, deren Zusammenspiel nur auf eine einzige, gottgewollte Weise die Gesundheit dieses Familien-, und das heißt Staatskörpers gewährleistet, während jedwede Abweichung von dieser Norm eine womöglich lebensbedrohliche Erkrankung bedeutet.

Allerdings sind die Vorstellungen davon, was zwischen den Geschlechtern und im Geschlechtsleben Ordnung wäre, von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich und mithin wandelbar. Das Dekadente lässt sich nur als das bestimmen, was jenen Dekadenzverdacht erregt, der in den zur Macht Gewillten unwandelbar zu nagen scheint. Dekadent ist, was erwachsene Menschen dazu bringt, ihre Empörung über anderer Leute Lebenswandel exhibitionistisch vorzuweisen. Die Lächerlichkeit des Spießers tötet indes nicht ihn: Wo der Befund der Dekadenz nicht nur von der Geschichte auf die Gegenwart, sondern, im letzten Schritt der Dekadenz des Dekadenzbegriffs, auch vom äußeren und inneren Zustand zeitgenössischer Gesellschaften auf den sittlichen Zustand einzelner ihrer lebenden Mitglieder übertragen wird, muss um sein Leben fürchten, auf wen der Finger zeigt. "Feiglinge und Unzüchtige versenken sie in den Sümpfen" notierte Tacitus achselzuckend über die Germanen; die Nazis in ihrem Wahn, germanisch, vor allem aber keinesfalls dekadent zu sein, nahmen die Textstelle als Ermunterung für ihren Massenmord an Homosexuellen.

Auch heute noch riskiert in vielen Ländern Leib und Leben, wer sich jenem Dekadenzvorwurf aussetzt, der unter die Gürtellinie zielt. Mädchen und Frauen, die in den Verdacht vor- oder außerehelichen Geschlechtsverkehrs geraten, werden jährlich zu Tausenden von ihren Angehörigen ermordet. Ihr Verhalten wird als gefährliche ansteckende Erkrankung des Familien- oder Sippenkörpers aufgefasst, die nur durch Abschneiden des befallenen Gliedes ausgemerzt werden kann. Oder vielmehr aufschlussreicherweise gerade nicht durch Abschneiden des Gliedes, denn die beteiligten Jungen und Männer bleiben meist unbehelligt: Die Vorstellungen davon, welche Geschlechtstätigkeit Kennzeichen eines Sitten- und Werteverfalls sei und zum Siechtum des Gesellschaftskörpers führe, sind unfehlbar von jener patriarchalischen Natur, die dem Phallus als Ausdruck von strotzender Gesundheit größtmögliche Freiheit zugesteht, die Vagina (und erst recht den Anus) aber grundsätzlich als Wunde und Krankheitsherd verdächtigt. Zur alltäglichen Praxis des Ehrenmords - die UNO zählt jährlich etwa 5000 Fälle und unterstellt eine vielfache Dunkelziffer - werden sie wohlgemerkt nicht nur im Orient, sondern auch in Afrika und Südamerika, und auch im Orient nicht nur unter Muslimen, sondern ebenso bei Christen und Hindus.

Was den islamischen Orient von anderen patriarchalischen Gesellschaften unterscheidet, ist nicht, dass er der im Westen langsam aber doch sicher voranschreitenden Emanzipation beider Geschlechter von Rollenklischees und den althergebrachten Tabus des Geschlechtslebens hinterherhinkt, sondern dass er, das heißt seine öffentliche Meinung, sie ausdrücklich als dekadent ablehnt. Die Vorzüge der eigenen Tradition werden dabei damit begründet, dass sie dem Schutz der Frauen vor sexueller Gewalt diene, die, wie Gewaltdelikte insgesamt, dort statistisch viel seltener seien, als im Westen. Richtig daran ist, dass gewöhnliche kriminelle Gewalt seltener ist, wo der Einzelne stets als Mitglied eines Sippenverbandes gedacht wird und folglich viel stärker als im Westen unter dem Schutz und der Aufsicht seiner Angehörigen steht. Vergewaltigungen außerhalb der Familie sind schon deshalb viel seltener, weil Frauen und Mädchen viel seltener, und erst recht nicht unbegleitet von männlichen Verwandten, aus dem Haus kommen. Die sexuelle wie nichtsexuelle Gewalt gegen Frauen innerhalb von Familie und Ehe bleibt im Dunkeln.

Die teils am Westen, teils am Realsozialismus ausgerichteten Versuche der 50er und 60er Jahre, die islamische Welt von oben, durch ihre sämtlich autokratischen Regime zu modernisieren, sind an ihrer Rücksichtslosigkeit und mangelnden Legitimität gescheitert. Die seitherige Abgrenzung gegen den nunmehr als dekadent verworfenen Westen verschärft das vormals entschieden tolerantere Geschlechtsklima im Orient. Dieser Vorgang wird besonders augenfällig beim veränderten Umgang mit der Homosexualität: In patriarchalischen Gesellschaften, deren Augenmerk einerseits vor allem auf der Jungfräulichkeit der Bräute und der Treue der Ehefrauen ruht, und in denen andererseits viele junge Männer der hohen Kosten wegen erst spät heiraten können, wurde Homosexualität traditionell stillschweigend geduldet, solange sie eben stillschwieg und heimlich blieb. Gesetze, die homosexuelle Handlungen unter Strafandrohungen bis hin zur Todesstrafe stellen, gaben sich erst die frisch in die Unabhängigkeit entlassenen Staaten, um zu beweisen, dass sie keineswegs so dekadent sind, wie der Westen es um eben jener Tradition willen im 19.ten Jahrhundert von ihnen geglaubt hat. Zunehmend unbarmherzig verfolgt werden Schwule im Orient, vom Staat wie auch von den Familien, erst seit ihrer Emanzipation im Westen. Während die Selbstentschleierung von Homosexuellen im Westen dessen Gesamtbevölkerung eher Respekt abnötigt, scheint sie die Bereitschaft zu schwulenfeindlicher Gewalt bei jungen orientalischen Männern zu erhöhen.

Die Dekadenz, die der Orient dem Westen vorhält und aus der militante Islamisten das Recht zu töten ableiten, meint immer jene Toleranz gegen freizügiges oder abweichendes Geschlechtsverhalten, für die umgekehrt der Orient vom Westen im 19. Jahrhundert zum schwülen Sehnsuchtsbild stilisiert und gern bereist, letztendlich aber belächelt, ja verachtet wurde. Während der Orient Europa seit den Zeiten der Kreuzzüge traditionell - und mit sehr viel besseren Gründen - eher Barbarei als Dekadenz vorwirft, gehört der Dekadenzvorwurf gegen die eigene wie andere Gesellschaften seit der Reformation zur Tradition des Westens. In den USA lebt sie bis heute fort oder sogar wieder auf, in Westeuropa jedoch ist es eher still um die Dekadenz geworden, sorgt sich der demokratische Konsens lieber um die real gefährdete Toleranz, als dass er Dekadenz zu befürchten vorgäbe.

In den Diktaturen des Orients dagegen haben Herrscher und Beherrschte einzig gemeinsam, dass sie die Dekadenz des Westens zu verabscheuen behaupten - und umso heftiger gegen sie wettern, je hemmungsloser sie hinter den Palastmauern Westimporten vom Whisky bis zur Pornographie frönen oder in den Armenvierteln von der Auswanderung nach Europa träumen. Selbst die wachsende Empörung gegen den abgewirtschafteten Gottesstaat Iran argumentiert häufiger mit der sittlichen Verkommenheit der Mullahs, als mit dem Terror der Sittenpolizei; fast überall sonst in der Region brächten freie Wahlen wohl die Islamisten an die Macht. Niemand schilt die westliche Art zu leben entschiedener und schriller - und zwar nicht etwa ihre Übermacht, sondern ihre stets als Geschlechterunordnung aufgefasste Dekadenz - als Araber und Muslime, auch und oft sogar besonders scharf unter den in Europa eingewanderten. In der Folge ist es inzwischen für muslimische Frauen nicht nur im Orient lebensgefährlich, sich ihren Geschlechtspartner selber auszusuchen, sondern auch in Berlin.

Wo ohne materiellen Anlass oder Gewinn soviel Aggressivität freigesetzt wird, kommt man um psychologische Betrachtungsweisen kaum herum. Am jederzeit vom geringsten Schlüsselreiz auszulösenden Verdacht, Zeuge von Werteverfall zu werden, fällt dabei zuerst auf, dass er eben immer und überall vorhanden ist. In einer doch zyklisch ver- und wieder aufblühenden Welt, einer allen Stillstandszeiten und Rückschlägen zum Trotz auf lange Sicht sehr wohl als Fortschritt und Höherentwicklung zu lesenden Menschheitskultur kann ein so grundsätzlicher Verdacht sich kaum auf entsprechend grundsätzliche Erfahrungen berufen. Offensichtlich sagt er mehr über sein Subjekt als sein Objekt. Oder vielmehr fallen beide in eins, gilt der Verdacht ursächlich immer dem einen, den man gut genug kennen kann, um seiner Fähigkeit zur Macht grundsätzlich zu misstrauen: dem, der ihn hegt. Auf Andere wird er zur eigenen Entlastung übertragen.

Abscheu vor dem Verfall ist wohl immer auch Ausdruck von Todesangst. Gründente der Dekadenzverdacht jedoch auf der Schwierigkeit, die eigene Sterblichkeit anzuerkennen, auf der Sehnsucht, dem Tod das Leben entgegenzusetzen, so zeigte er sich zwar auch am Geschlechtlichen interessiert, jedoch nur im Sinne der Fortpflanzung, und bekümmerte sich hauptsächlich über Mängel bei der Brutpflege, Erziehung, Bildung, Forschung; um Fortschritt, Gerechtigkeit, die bestmögliche Einrichtung der Welt für künftige Menschengenerationen.

Wer Okzident und Orient betrachtet und ihre Entwicklung vergleicht, hätte angesichts des dramatischen relativen Niedergangs der islamischen Welt seit ihrer Blüte im frühen Mittelalter Anlass genug, einen Dekadenzbegriff zu fassen, der etwas anderes, als männliche Impotenz meint. Zur Zeit der Brieffreunde Karl, Kaiser, genannt "der Große" und Harun, Kalif, genannt "der Vernünftige", waren die Araber als Bewahrer und Weiterentwickler des griechischen Erbes in fast jeglicher Hinsicht potenter als die Europäer. Aufschlussreich ist, dass diese Hochpotenzphase mit Sitten einherging, die schwächlichere spätere Generationen als dekadent bezeichnet hätten. Die rechtliche Stellung der Frauen war durch den jungen Islam, der sich eben deshalb zuerst unter Frauen wie auch Sklaven ausgebreitet haben dürfte, stark verbessert worden. Eine Frauengestalt wie Mohammeds erste Frau Chadischa, ob historisch oder legendär, eine verwitwete, selbstständig handelnde Großkauffrau, die ihren fünfzehn Jahre jüngeren Angestellten heiratete, gab das Vorbild einer Frau ab, deren Wirkungsmöglichkeit viel weniger durch die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht, sondern vielmehr durch die Zugehörigkeit zu einer Gesellschaftsschicht bestimmt wurde.

Besonders bezeichnend ist wieder das Verhältnis zur Homosexualität, die damals nicht bloß stillschweigend geduldet, sondern in bester griechischer Tradition kultiviert wurde: Harun al Rashids Hofdichter, der bis heute als unübertroffen gelobte Abu Nuwas, sang wie sein viel späterer persischer Nacheiferer Hafis außer von den Freuden der Trunkenheit bevorzugt von denen der Knabenliebe. Der ihm beim abendlichen Gelage mit hübschen Knaben wie Mädchen lauschende, im landläufigen Sinn also kaum anders, denn als dekadent anzusprechende Hof dieses Kalifen regierte tagsüber ein Weltreich, in dem nicht nur die Künste blühten, sondern auch Forschung und Lehre, Technik und Handwerk, Handel und Landwirtschaft dem gleichzeitigen europäischen Stand weit überlegen waren, über eine Gesellschaft, die reicher und mächtiger war als jene Europas, wo aber auch viele Menschen in größerer Sicherheit vor Willkür und Gewalt lebten, besser ernährt und gekleidet, gesünder und gebildeter waren.

Heute ist es, wie der Human Development Report der Vereinten Nationen deutlich aufzeigt, genau umgekehrt. Bis eben auf die Fortpflanzungsrate bleibt die arabische Welt in fast jeglicher Hinsicht hinter dem Westen zurück, die Masse ihrer rasch wachsenden Bevölkerung lebt in Armut, in Unfreiheit, Unbildung und Ungerechtigkeit. Die arabische Welt trägt zur zeitgenössischen Wissenschaft kaum bei und hat jede kulturelle Ausstrahlung verloren. Außerhalb ihres Traums von der glorreichen Vergangenheit und der Legenden ihres religiösen und kulturellen Dünkels, ist sie wirtschaftlich, politisch und militärisch heute so schwach, dass eine fremde Macht, nach Fläche und Bevölkerung etwa gleich groß, sich anmaßen kann, sie nach den eigenen Vorstellungen "neu zu ordnen". Ein sinnvoller Dekadenzbegriff müsste das Schicksal Arabiens meinen.

Indem sie sich stattdessen zwanghaft an anderer Leute Lust hochzieht und festmacht, entblößt die im politischen Diskurs mehr ver- als enthüllende Schmähung "Dekadent!" ihr vergleichsweise kümmerliches Fleisch: Die Abscheu vor anderer Leute Unwillen zur Macht gibt sich unfreiwillig als auf sie bloß übertragene Angst vor eigener Impotenz zu erkennen. Darin ähneln die sittenstrengen Islamisten den halbwüchsigen Machos orientalischer Herkunft, auf deren Konto in Berlin fast alle gewalttätigen Übergriffe auf Schwule gehen: Außer diesem, aus politischer Korrektheit gern verschwiegenem, Teil der Polizeistatistik beherrschen sie eben oft nicht viel, was ihnen Respekt verschaffen könnte, nicht einmal mehr ihre Schwestern, die oft besser Deutsch können und in der Schule besser abschneiden als ihre Brüder - und deren Jungfräulichkeit sie um so aggressiver gegen die Gefährdungen westlichen Sittenverfalls verteidigen, je weniger die strenge familiäre Aufsicht ihnen erlaubt, dessen Freiheiten selber zu genießen. So schrumpelt, jung und viril wie sie doch sind, auch ihr natürlicher Wille zur Macht in einer Gesellschaft, in der die Geburt, also die Zugehörigkeit zu einem Clan und einem Geschlecht, weniger, Bildung und Leistung dagegen mehr zählen als im Orient, umgekehrt zum Verlangen nach dem, was der Tagebuchschreiber Thomas Mann hintersinnig ‚Ermächtigung' nennt. Dekadenzangst ist keine Menschen-, sondern eine Männerkrankheit.

Wenn sich ganze Gesellschaften oder doch jedenfalls ihre Herrscher von ihr anstecken lassen, bringt sie auch im politischen Handeln so unfehlbar das Gegenteil des Erwünschten hervor wie der Versuch, eine Erektion durch eine Anstrengung des Willens zu verlängern. Was könnte diese spezifische Männertragik anschaulicher bebildern, als eben jener Versuch der USA, den Nahen Osten "neu zu ordnen": nicht aus Angst vor der Stärke ihrer Feinde, sondern aus Angst vor der eigenen Verletzlichkeit. Der Versuch, ihre Omnipotenzphantasie in die Wirklichkeit zu überführen, wird von der Wirklichkeit täglich demütigender als Phantasterei überführt.

Das Vermessene des Vorgehens der USA beweist, dass der vom Orient erhobene Dekadenzvorwurf, dass auch der Anschlag auf das Phallussymbol World Trade Center sie dort treffen, wohin beide zielen: Unter der Gürtellinie. Erschüttert im Zutrauen in die eigene Potenz, wollen sie diese nun umso eindrücklicher beweisen, anderen, vor allem aber sich selber. Ihr Unglück ist, in der Körpermetapher der Dekadenz gesprochen, dass eine Erektion kein Spannungs- sondern im Gegenteil ein Entspanntheitszustand ist: physiologisch gesehen der Muskeln im Corpus Cavernosum, deren Entkrampfung Blut in die Schwellkörper strömen lässt. Der krampfhafte Versuch, im Irak mit der Brechstange zu erreichen, was Geduld, ja souveräne Gelassenheit zum Nichtstun erfordert hätte, bildet den Versuch ab, den Penis herumzukommandieren, als ob er ein Werkzeug des Willens wäre.

Die Potenz der Weltmacht wird vom Versuch, sie zu demonstrieren auf Jahrzehnte geschwächt und vielleicht gänzlich untergraben werden. Wer weiß, am Ende können wir am Beispiel der USA ja begreifen, wie das Römische Reich untergehen konnte: Nicht weil es dekadent gewesen wäre, auch nicht weil Ausschweifungen es impotent gemacht hätten, und erst recht nicht infolge irgendeiner Willenserschlaffung. Sondern weil es wegen einiger militärisch und materiell unbedeutender Niederlagen anfing, seiner eigenen Potenz zu misstrauen und Angst davor zu haben, es könnte für impotent, sprich dekadent gehalten werden: Eine Erschütterung des Selbstbewusstseins, die es politisch wie militärisch von den eigenen, historisch doch einmalig erfolgreichen, Prinzipien abweichen, und sich in sinnlose Abenteuer verrennen ließ. Dekadenz ließe sich dann bestimmen als jener dialektische Prozess und sein Produkt, die vom notwendig kontraproduktiven Versuch, Potenz zu erzwingen, angestoßen und hervorgebracht werden.

Was Männer ‚ermächtigt', das sind jedenfalls ebenso wenig harte Arbeit und Askese wie Bewegungsmangel und Fettleibigkeit; vielmehr genügend Schlaf, gutes aber nicht zu viel oder zu schweres Essen, Zärtlichkeit gegen sich und andere, Muße, Humor, ein Gläschen Wein und ein Körnchen Salz. Auch wenn Dekadenzhass psychologisch leicht als Angst vor und Frust über Impotenz zu entschlüsseln ist, wird Potenz physiologisch doch just von jenem maßvollen Wohlleben begünstigt, das der aufstrebende Westen seit Reformation und industrieller Revolution am zu jenen Zeiten noch recht gut und geruhsam vor sich hin lebenden Orient als dekadent nicht nur empfunden hat, sondern das der Selbstausbeutung im Sinne einer protestantischen Arbeits- oder Fitnessethik ja tatsächlich entgegensteht.

Und wirklich gibt es im Westen eine Krise der Zeugungsfähigkeit. Eine sinnvolle Füllung der Dekadenzschmähung gegen den Westen könnte also nicht nur darauf verweisen, dass in denjenigen seiner Nationen, wo die Frauenerwerbsquote hinter dem erreichten Bewusstseinsstand der Gleichberechtigung zurückbliebt (darunter Deutschland und Italien, nicht aber Frankreich oder die USA), die Frauen im Durchschnitt so wenige Kinder gebären, dass diese ohne Zuwanderung aus fruchtbareren Weltgegenden wie dem Orient biologisch ausstürben; sondern mit gleichem Recht auch auf die epidemologische Auswertung von Spermiogrammen. Quer durch die westlichen Industrienationen nimmt die durchschnittliche Zahl befruchtungsfähiger Samenfäden im Ejakulat der Männer von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer weiter ab. Die Gifte, denen unsere moderne Industrie und Landwirtschaft uns aussetzen, machen Männer tendenziell steril, während unsere zwischen Sitzen am Computer und sportlicher Verausgabung, Fastfood und Diät, Stress im Beruf und Nervenkitzel in der Freizeit pendelnde Lebensweise auf die Potenz geht.

Den Rest gibt den Hoden der westliche Aberwitz, ausgerechnet Männer Hosen anhaben zu lassen, was für deren Anatomie zu eng und warm ist, während der Orient auffälligerweise der Teil der Welt ist, wo Männer sich bis heute mehrheitlich geschlechtsgerecht kleiden, auch als moderne Stadtbewohner wenigstens nach der Büroarbeit aus den barbarischen Hosen ins griechische Hemd schlüpfen. Indes macht ihre vernünftigere Kostümierung aus Arabern oder Pakistanis ja noch keine Vertreter eines vernünftigeren Gegenentwurfs zum Westen; die Rate etwa der Fettleibigen oder Herzkranken ist unter wohlhabenden Muslimen keineswegs niedriger als bei uns, ihr Umgang mit der Umwelt nicht schonender, ihre Kinder sind nicht weniger süchtig nach Junk-Food und Videospielen, Jeans und Turnschuhen, die westliches Lebensgefühl versprechen. Die höhere Reproduktionsrate im Orient hat ihre Ursache eben nicht in vielleicht etwas günstigeren andrologischen Bedingungen.

Sondern in der realen Macht der Männer über die Frauen: Wirtschaftlich, politisch, juristisch, vor allem aber in der familiären und gesellschaftlichen Praxis ist der Orient viel weiter von Gleichberechtigung entfernt als wir. Wenn die Frauen dort durchschnittlich mehr Kinder gebären, dann weil sie in Abhängigkeit von Männern leben, ohne die Möglichkeit, ihr Leben nach eignen Vorstellungen zu gestalten oder sich aus eigener Kraft zu ernähren. Einen halbwegs angesehenen und gesicherten Platz in einer Gesellschaft, die Frauen ans Haus kettet und öffentliche Funktionen Männern vorbehält, kann eine Frau eben nur als Ehefrau und Mutter finden. Die Ausnahmen, die es sehr wohl gibt, bestätigen nicht nur die Regel, sondern verstärken vor allem auch die Härte, mit denen das patriarchalische Ideal gegen die Mehrheit der Frauen und Mädchen durchgesetzt wird. Dessen schleichende Aufgabe, der Verrat der patriarchalischen Ordnung durch ihre westlichen Geschlechtsgenossen: das meint der Dekadenzvorwurf gegen den Westen.

Auch wenn die Dekadenz, die man abwehrt, immer die Impotenz ist, die man für sich selber fürchtet, ist die Dekadenz, die der Orient dem Westen vorhält, eben nicht seine Impotenz: Denn als impotent erlebt er uns, trotz unserer niedrigen Fortpflanzungsrate, und trotz der selbstzerstörerischen Kraftprotzerei der USA im Irak, im Alltag ja gerade nicht - im Gegenteil. Die Dekadenz, die der Orient uns vorhält, ist nicht der graduelle, lange verdrängte, vielleicht nur eingebildete Übergang von der Spannkraft in die Erschlaffung, sondern der prinzipielle, mit einer Umkehrung aller inneren und äußeren Verhältnisse verbundene von der Aktivität in die Passivität. Was der Orient am Westen dekadent findet und ablehnt, ist nicht seine Verweichlichung, sondern seine Verweiblichung. Menschen, die mit Denis de Rougemont nicht mehr fragen "Was werden wir tun?" sondern "Was wird uns geschehen?", sprechen eben nicht mehr als Männer, auch nicht als halbe, impotente, sondern als Frauen: im Sinne jener patriarchalischen Rollenvorstellung, versteht sich, die das Penetrieren als ein aktives Tun, das Penetriertwerden aber als passives Erdulden und Erleiden festschreibt.

Wenn nun aber Impotenz, wie gesehen, keine Folge erschlafften Willens ist, sondern im Gegenteil der Unfähigkeit, sich zu entspannen und etwas mit sich geschehen zu lassen, sich gehen oder fallen zu lassen und zu genießen - dann ist die tatsächliche, im Gegensatz zur bloß symbolisch, im Machogebaren aufgerichteten Potenz passiv, also weiblich! Der nicht nur behauptete, sondern wirklich empfundene und oft in Gewalt umschlagende Hass auf die westliche Dekadenz eitert aus der Kränkung über die eigene historische Dekadenz und politische Impotenz, richtet sich aber doch nicht gegen die Impotenz westlicher Männer, die ja viel eher versöhnlich stimmen könnte, sondern gegen die Potenz westlicher Frauen.

Nichts hat im Irak und im gesamten Orient mehr böses Blut erregt, nicht die Anmaßung der USA, die ganze Weltregion nach eigenen Vorstellungen neu ordnen zu wollen, nicht die Lügen und Täuschungen, mit denen ihre Angriffskrieg legitimiert wurde, nicht die Geringschätzung des Lebens irakischer Menschen, ob nun den Zivilisten oder den Soldaten eines ohne Not angegriffenen Staates, von Toten, denen man bis heute nicht einmal die Ehre erweist, sie zu zählen, von denen US-Presseoffiziere vielmehr sprechen durften, wie von vertilgtem Ungeziefer ("We don't do body-counts") - nichts hat im Irak und im gesamten Orient mehr böses Blut erregt, als die erkennbar gestellten Fotos von der US-Soldatin Lynndie England und einigen Insassen im Gefängnis von Abu Ghraib.

Höhnisch in die Kamera grinsend, den Daumen hoch, zeigt die Soldatin auf einem Bild auf den Penis eines irakischen Gefangenen, der mit erhobenen Händen auf dem Rücken eines zweiten sitzt, auf dem anderen Bild auf einen am Boden Liegenden, auf dessen Gesäß das Wort "Vergewaltiger" zu lesen ist, während ein drittes Bild sie dabei zeigt, wie sie einen Gefangen an der Hundeleine durch den Zellentrakt kriechen lässt. Die Männer sind jeweils gefesselt und nackt bis auf ein Stück Stoff über Kopf und Gesicht; auf den beschriebenen Bildern sind es schwarze Henkerskapuzen, auf anderen aber Frauenunterhosen.

Die Veröffentlichung dieser Bilder hat seinerzeit bekanntermaßen große Empörung im Orient ausgelöst. Wogegen genau richtete sich aber diese Empörung? Dagegen, dass im Gefängnis von Abu Ghraib gefoltert wurde? Aber auch vor der Übernahme durch die USA wurde dort, so wie in jedem anderen Gefängnis des Orients, gefoltert, ohne dass darüber Volksmassen in Aufwallung geraten wären. Dagegen, dass diese Folter physisch und psychisch auf das Genital zielt und Kastrationsängste bedient? Aber genau das tut Folter allenthalben, wo immer Menschen ihr unterworfen werden. Dagegen, dass es keine einheimischen Despoten, sondern die USA als die selbsternannte Schutzmacht der Demokratie und Menschenrechte waren, die dort foltern ließen? Aber so hoch ist die Meinung vom Edelmut des Westens in dessen ehemaligen Mandatsgebieten und Kolonien gar nicht, dass seine Doppelmoral, Verlogenheit und Brutalität groß überraschten.

Das Empörungspotential dieser Bilder im Orient, vergleichbar allenfalls dem jener Karikaturen des Propheten Mohammed in einem dänischem Käseblatt, ist viel besser dadurch zu erklären, dass sie den Glutkern des Dekadenzvorwurfs gegen den Westen veranschaulichen: Dekadent ist am Westen aus Sicht des Orients nicht, dass er Menschen genauso schindet, wie die eigenen Regierungen es tun, sondern dass er es Frauen tun lässt: Dass er es zulässt, dass die Frauen sich entschleiern, also gesellschaftlich sichtbar werden, die Konventionen, die sie ans Haus fesseln, sprengen - und sich dann immer mehr ermächtigen, bis hin zur siegreichen Soldatin, die ihrerseits die Männer fesselt, verschleiert und sexuell über sie verfügt.

Ob diese Bilder wirklich ungewollt entstanden und verbreitet worden sind, oder nicht vielmehr wie die dänischen Karikaturen ein in inquisitorischer Absicht unter die Gürtellinie gezielter Hieb sind, die den Muslimen just jenes Eingeständnis ihrer Unentspanntheit, sprich Impotenz zu friedlicher Konfliktbewältigung und religiöser Toleranz abpressen sollten, das sie unter derlei hochnotpeinlicher Befragung noch stets geliefert haben: Indem sie den Dekadenzvorwurf des Orients gegen den Westen in grotesk überspitzte Bilder kleiden, lassen sie doch vor allem den Dekadenzvorwurf des Westens gegen den Orient erkennen.

Der Westen weiß, dass es vor allem die Preisgabe des Patriarchats ist, die der Orient an der westlichen Lebensweise dekadent findet. Er weiß sogar besser als alle die Muslimas, die es als Bekenntnis zu den überlieferten Werten ihrer Religion tragen, häufiger als im Westen wahrgenommen aber auch als Tarnung, um darunter unbehelligt aus dem Haus, und in Schule, Universität oder Internet-Café gehen zu können, dass das Kopftuch genau jenes Bekenntnis zu den Rollenvorstellungen des Patriarchats ausdrückt, zu dem es die ja nicht religiös, sondern politisch motivierten Islamisten in Abgrenzung gegen die westliche Dekadenz stilisieren. Schließlich weiß der Westen, wenn auch erst seit zwei, drei Jahrzehnten, dass das im Vergleich zum Orient höhere Maß an innerem und äußerem Frieden, dessen er sich heute, nach Exzessen an innerer und äußerer Gewalt, wie sie der Orient in diesem Ausmaß nie gekannt hat, nicht nur erfreut sondern auch brüstet, ebenso eine Folge der Entfesselung des gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Potentials der weiblichen Hälfte der Bevölkerung ist, wie sein seit dem Industriezeitalter noch einmal gewaltig gewachsener Wohlstand sich gerade aus deren Beitrag zu Wissenschaft und Wertschöpfung ergibt.

Die Dekadenz, im ursprünglichen Sinn des Niedergangs vordem mächtiger Reiche, die der Westen mit kaum von der Hand zu weisenden Vergleichen für den Orient feststellt, führt er seit einiger Zeit nicht zuletzt und immer öfter sogar zuerst darauf zurück, dass die Frauen dort, anders als bei uns, von starren patriarchalischen Rollenvorstellungen daran gehindert werden, zu Wohlstand, Gerechtigkeit und Fortschritt ihrer Gesellschaft beizutragen.

In den emblematischen Erinnerungsschnappschüssen einer Soldatin der siegreichen, weil demokratischen und post-patriarchalischen Hypermacht, die den besiegten und obendrein noch als Vergewaltiger gebrandmarkten Soldaten der patriarchalischen Diktatur fesselt, verschleiert und sexuell unterwirft, prallen diese wechselseitigen Dekadenzvorwürfe aufeinander. Das dabei freigesetzte Gewaltpotential zeigt, was sie sind: Waffen. Waffen im Kampf nicht zwischen Frauen und Männern, sondern zwischen Orient und Okzident, nicht um Werte, sondern um die Macht. Der Orient, der eigenen politischen Impotenz und historischen Dekadenz sich nur allzu schmerzlich bewusst, greift zur Anklage des Sittenverfalls, um der materiellen Überlegenheit des Westens wenigstens ideell etwas entgegenhalten zu können. Der Westen, der die verzweifelte Schwäche seines Nachbarn mit nur allzu guten Gründen für eine Gefahrenquelle hält, schlägt mit der Moralkeule des anti-patriarchalischen Diskurses zurück: "Vergewaltiger" stand auf dem entblößten Gesäß des unterworfenen Machokriegers in Abu Ghraib zu lesen - wobei das Opfer seiner im Gefängnis verübten Tat übrigens keine Frau, sondern ein junger Mitgefangener gewesen sein soll.

Sittliche Argumente schneiden dem ins eigene Fleisch, der sie als Hieb- und Stichwaffen missbraucht: Despotie, Unterentwicklung, Korruption und Blutrache sind, auch wenn der hochmütige Westen sie noch so hochmütig geißelt, das genaue Gegenteil islamischer Werte. Wer ethische Urteile vom ethnischen Standpunkt abhängig macht, gerät in die Position der ägyptischen Feministin Shereen Abu Al-Naga, die dem Autor auf einer Podiumsdiskussion auf der Frankfurter Buchmesse bescheinigte, dass sie dessen Beobachtungen zu Geschlechterrollen und -verhältnissen in der arabischen Welt im Großen und Ganzen für zutreffend, es aber für unstatthaft, ja rassistisch halte, wenn er, als Nicht-Araber, sie vorbringe. Der Deutsche, mit dem gleichen Unrecht für seine (oder vielmehr für die US-amerikanische) Regierung in Haft genommen, wie eine ägyptische Intellektuelle zweifellos oft genug für die ihre, wenn nicht gar die des Iran, musste sich also auf die Wunden in den ja nicht nur von fremdem Blut überströmten Händen eines Westens hinweisen lassen, der Emanzipation, Menschenrechte und Demokratie mit militärischer Gewalt erzwingen will.

Am Ende aber wird der Dekadenzvorwurf, als Waffe missbraucht, stumpf. So stumpf, dass gerade Dasjenige am Anderen als dekadent beargwöhnt wird, was es am allerwenigsten ist. So erregt sich der Westen bevorzugt über Kopftücher: Im Sinne seiner Analyse, dass der Stillstand und relative Niedergang des Orients Folge des Patriarchats sei, in der Körpermetapher der Dekadenz gesprochen die Verkrüppelung der weiblichen Körperhälfte. Nicht nur übernimmt er dabei unhinterfragt die Deutung der Islamisten, dass der Schleier Symbol des Patriarchats sei, sondern er zerrt mit ihnen an diesen Tüchern herum, als müsste und könnte er die eigene Potenz durch Entschleierung des Weiblichen so nachweisen, wie die Islamisten es durch seine Verschleierung zu tun glauben. Dabei genügte der einfache Blick in Schulen oder Internet-Cafés des Orients vom Iran bis Kreuzberg, um zu erkennen, dass unter den Tüchern Köpfe stecken, die sich in ihrem Schutz auf den Weg zu Bildung, Aufstieg und Teilhabe gemacht haben.

Umgekehrt glauben - auch nicht muslimische - Orientalen, die Dekadenz des Westens zeige sich nirgendwo unverschleierter, als bei der hiesigen Schwulenkultur. Wenn es ein Emblem für unseren Sittenverfall gibt, das im Orient Abscheu oder Geilheit, vor allem aber die Hoffnung auf unseren bevorstehenden weltgeschichtlichen Niedergang erregt, dann die Gay Pride Parade am Christopher Street Day, wo die potentielle Weiblichkeit des Mannes ebenso ohne Scham und Schuldgefühl zur Schau gestellt wird, wie jede Menge nacktes Fleisch. Dabei genügte, auch ohne Weiblichkeit kennengelernt zu haben, wie Lynndie England sie verkörpert, ein Blick in Europas Geschichte, um zu erahnen, dass vorsätzliche Selbstentblößung, von der heroischen Nacktheit der Griechen, die den Persern entgegen traten, bis zu den am ganzen Leib waidblau geschminkten Barbaren, die in nördlichen Wäldern über die römischen Eroberer herfielen, im genauen Gegenteil von Dekadenz Kampfbereitschaft signalisiert: Entschlossenheit, es mit jedem, und notfalls auf Leben und Tod, aufzunehmen, der einem die Freiheit, die Selbstbestimmung oder gar das Daseinsrecht bestreitet.