Der Idiot in der Polis - Vom Verschwinden des Literaten aus dem öffentlichen Gespräch

In: Valerio. Heftreihe der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Heft Herbst 2005: Demokratisch reden. Parlament, Medien und kritische Öffentlichkeit in Deutschland. (Göttingen, 2005)

Von Joachim Helfer

Das kulturkritische Unbehagen an der 'Mediendemokratie' meint meist speziell das Zusammenspiel von abendlichen Talk-Shows und Meinungsumfragen am nächsten Morgen, also nicht etwa alles im Medium Fernsehen mit seinen Nachrichten und politischen Magazinen. Ganz ohne Mittler zwischen den vielen Stimmberechtigten und den wenigen Stimmführern ist Demokratie ja höchstens in antiken Stadtrepubliken ausgekommen, wo das Volk auf Sichtweite und per Zuruf auf dem Marktplatz herrschte; erst das neueste Medium Internet läßt eine nationale, gar globale Agora zumindest technisch möglich erscheinen. Da Schriften aller Art, mit denen schon Jahrhunderte vor der parlamentarischen Demokratie die politische Willensbildung des Volkes beeinflußt wurde, seit je Medien waren und sind, verkennte eine Kritik am angeblichen Abwandern der politischen Rede aus dem Parlament in die Medien, beim Wort genommen, zumindest die geschichtliche Abfolge, wenn nicht sogar Ursache und Wirkung im Verhältnis von Medien und Parlamenten. Nur verdrängt die Volksrede in Talk-Shows seit zwei Jahrzehnten ja nicht eine idealiter unmittelbare Demokratie, sondern die ältere Praxis der Volksrede mittels Pamphlet und Artikel.

Das gesprochene Wort verdrängt das geschriebene Wort - und damit auch dessen Führer. Die Kritik an der 'Mediendemokratie', formuliert bevorzugt in großen Blättern, dürfte sich auch, wenn nicht zuerst gegen diese Entmachtung von Leitartikel und Feuilleton richten. Die politische Schrift ist und bleibt, trotz (oder wegen ...) allfälliger Politikerbücher, Domäne anderer professioneller Autoren, nicht der Ghost-Writer und Redentexter von Politikern: nämlich der Journalisten, soweit sie Meinungen vorbringen, der Poets, Essayists, Novelists, soweit es sie zur politischen Äußerung und nicht im Gegenteil zur Enthaltsamkeit von ihr drängt. Politikern, erst recht Gewerkschaftern und anderen Lobbyisten, fehlt oft das Talent, ohnehin die Zeit, um sich in Schriftform zu den Themen des Tages zu äußern. Ein Auftritt bei Sabine Christiansen dagegen ist auch nach einem langen Arbeitstag immer noch drin. In derlei Runden zählt ohnehin nicht das gründlich entwickelte Argument, sondern Schlagfertigkeit. Das zähe Ringen der ineinander verhakten gesellschaftlichen Interessen und ihrer jeweiligen Legitimationen ist wenig telegen. In einem Medium, oder richtiger in einem Format, in dem über alles geredet werden darf, nur nicht über dreißig Sekunden, punkten die flinken Fliegengewichtsboxer: mit jener Handvoll rhetorischer Reflexe, die Oskar Gysi und Guido Glos längst beinahe ebenso vollkommen beherrschen wie ihr stilistisches Vorbild, Marcel Reich - Ranicki.

Dies festgestellt, könnte man nun fragen, warum diese Feststellung so unoriginell klingt, oder vielmehr: Warum sie, oft getroffen, so folgenlos bleibt? Warum der Öffentlichkeit die galoppierende Banalisierung der öffentlichen Rede, ob nun über Politik oder Literatur, Sexualität oder Religion, recht, oder wenigstens wurscht zu sein scheint? Zum Teil liegt die passive Ergebenheit des Publikums zweifellos an der Struktur des neuen Leitmediums Fernsehschwatzschau, die Vertiefungen oder Exkurse nicht duldet und alles Widerständige ignoriert oder, schlimmer, als Dreißigsekundenhappen integriert. So könnte man zu der für Besitzer althergebrachter Maßstäbe stets tröstlichen Folgerung gelangen, daß es früher besser gewesen sei. Allerdings nährt schon der flüchtigste Blick in die Archive, wo man Geschriebenes ja nachblättern kann, den Verdacht, daß die Langmut, mit der die Öffentlichkeit das politische Geplapper der Gegenwart erträgt, auch anders als durch Abstumpfung erklärbar sein könnte. Vielleicht erinnert sich mancher der vor dem Fernsehschirm Leidenden im Gegenteil nur allzu genau und eben darum nostalgiefrei an eine Zeit, in der Printmedien, und darin neben den Leitartiklern die politisch engagierten Schriftsteller den Ton angaben. Der Rückblick in diese Epoche fällt um so leichter, als ihr Niedergang noch anhält, die Leitmedien einander nicht schlagartig, sondern in jahrzehntelangen Verschiebungen ablösen.

Gewiß, Leitartikel sind immer häufiger Kritiken der Talk-Show vom Vorabend; gewiß, die jüngeren Belletristen verkneifen sich fast alle Stellungnahmen zur Politik. Etliche von ihnen haben diese Abstinenz auf Nachfrage besorgter Feuilletonredakteure sogar schon schriftlich begründet: Und zwar wohlgemerkt meist nicht mit dem bloß ästhetischen Ungenügen an der Rolle des engagierten Intellektuellen, sondern mit der Selbsteinschätzung, daß die Arbeiter im Garten der Sprache eben nicht schon beruflich berufener als etwa Volkswirte oder Biochemiker seien, sich zu den komplexen politischen Problemen der Zeit zu äußern. Ihre Enthaltsamkeit beruht auf der ethisch, nicht politisch interessierten Unterscheidung zwischen Beherrschung von Sprache und Beherrschung durch Sprache. Ihre Sorge ist, daß sie die ihnen durch den Zufall des Talents verliehene Macht über die Wörter mit Macht über die Welt verwechseln und, wenn schon nicht zum Mißbrauch, so doch zum womöglich folgenschweren Irrtum verführt werden könnten.

Was auch immer man von solchen Skrupeln halten mag, jedenfalls kränkeln sie die alten Recken der engagierten Schriftstellergeneration so rasch nicht an: Ob nun Günter Grass gegen die angebliche Aushöhlung der deutschen Demokratie durch das internationale Finanzkapital wettert oder Peter Handke gegen das angeblich parteiische und illegitime Jugoslawientribunal in Den Haag. Einen jüngeren Autor, auch wenn er, nein, gerade weil er selber regelmäßig politische Kommentare schreibt, befremdet dabei nicht der Wille zur politischen Einmischung an sich, sondern allein der, ist es Mut?, sich zu solchen Fragen in offenkundiger Unkenntnis volkswirtschaftlicher oder völkerrechtlicher Begriffe zu äußern. Wenn diese nicht sogar ausdrücklich verweigert werden, zugunsten einer poetisch gemeinten Privatsprache, die nicht mit Widersprüchen und Widerspruch rechnet, den Dichter vielmehr als Medium einer höheren Offenbarung versteht und folglich blinden Gehorsam verlangt.

Nicht, daß nur die Fachleute mitreden sollten, behüte; und nichts gegen Raunen im Tempel oder zünftige Sprüche am Stammtisch. Wenn aber ein Bürger, von Beruf Schriftsteller, seine Sprachgewalt, seinen Namen und dazu die Autorität eines Mediums nutzt, um seine politische Meinung zu veröffentlichen, sollte er von sich selber keine geringere Sorgfalt der Recherche und Argumentation verlangen, als vom Mitbürger Journalisten; schließlich sind beide von Haus aus nicht Experten für die Welt, sondern zunächst und vor allem dafür, sie zur Sprache zu bringen. Immerhin gibt es sehr wohl Dichter, die sich dieser intellektuellen Disziplin zum Gewinn ihrer Leser unterwerfen: Hans Magnus Enzensberger oder Durs Grünbein schreiben über Migration oder Neurobiologie so, daß ihr sprachliches Spezialistentum hilft, diese sperrigen Gegenstände überhaupt erst in die allgemeine, und damit politische Sphäre zu überführen; sie illustrieren und interpretieren, extrapolieren und kontextualisieren Theorien und Resultate einschlägiger Forschung, nehmen sie wo nötig unwissenschaftlich persönlich oder poetisch beim Wort, erkennen sie aber jederzeit als die gegebene Grundlage des Themas an.

Was dagegen Grass zur deutschen Einheit oder Handke zum Zerfall Jugoslawiens behauptet haben und immer wieder behaupten, ist durch ganze Bibliotheken statistischer, wissenschaftlicher oder auch kriminalistischer Befunde widerlegt, und das, was sie regelmäßig zu solchen politischen Lieblingsthemen verschweigen umgekehrt ebenso eindeutig belegt. Hier ist kein Platz, den Typus des nicht nur an überprüfbaren Daten und Fakten, sondern mit ihnen an allen verbindlichen Begriffen und also an der Polis vorbei politisierenden, eher anti- als unpolitischen Literaten bis ans Schreibpult eines Eiferers wie Bernhard von Clairveaux zurückzuverfolgen. Der Hinweis auf die Mitschuld des von Max Weber gültig beschriebenen ‚Literaten' an den Bluträuschen des 20. Jahrhunderts ist aber angezeigt: nicht zuletzt, um etwa dem Autor einer Blechtrommel vor dieser düsteren Folie gerecht zu werden.

Als in glücklicheren Zeiten geborener Grünschnabel stelle ich es mir so vor: Die Rolle des politisierenden Literaten war nach Vertreibung, Mord und Krieg zwar neu zu besetzen, aber nicht wirklich diskreditiert; immerhin hatte auch ein Thomas Mann sie, mehr notgedrungen als gern, ausgefüllt. Wollte man die von früheren totalitär gesinnten Standesgenossen angerichteten geistigen Verheerungen wenn schon nicht wiedergutmachen so doch ihre Wiederholung für die Zukunft verhindern, mußte man als Autor der Generation 47 selber in den auf dem Schlachtfeld herumliegenden Mantel hineinschlüpfen: ob nun im bestgemeinten Biedersinn, oder mit dem Hintergedanken, ihn in Travestie und Parodie zu dekonstruieren.

Zum Beispiel Günter Grass: Der Autor des Romans 'Kopfgeburten' aus dem Jahr 1980 widmet sich im vollen Ornat des politischen Nationalautors dem Thema "Die Deutschen sterben aus!" Nur zeigt er seinem Publikum auf humorvolle Weise, daß es Menschen mehr als genug auf der Welt gibt, die drängendere Probleme als den bundesrepublikanischen Pillenknick haben, und daß im Absterben des deutschen Volkskörpers, wie das nicht erst bei den Nazis geheißen hätte, mehr Trost und Erlösung als Schande und Schrecken liegt. So wirkt sein Roman als humanes Gegengift gegen die Jauche aus ‚Volkstum' und ‚Rasse', die deutschen Dichtern aus der Feder geflossen war und jenen Boden düngte, aus dem dann die revolutionäre Praxis einer Völker mordenden Volksgemeinschaft erwuchs. Insofern ist er eine politische Stellungnahme - zur Vergangenheit. Er formuliert den Widerspruch gegen das Gefasel völkisch politisierender Literaten - von gestern. Die gegenwärtigen und zukünftigen, die eigentlich politischen Probleme beileibe nicht nur für Rentenkasse und Sozialstaat, sondern für Gesellschaft und Republik als Ganzes, die das Altern und Schrumpfen der Bevölkerung mit sich bringt und mit denen sich 1980 zwar noch nicht Leitartikler und Talk-Runden, sehr wohl aber schon Soziologen und Volkswirte befaßt haben - sind nicht sein Anliegen. Wenn Grass ein Beispiel für das uns Kindern der BRD im Deutschunterricht als vorbildlich vermittelte politische Engagement der Literaten war, so betraf dieses also höchstens am Rande das Gemeinwesen, in dem wir lebten, im Kern aber ein überwundenes älteres.

Offen zutage trat dieser latente Anachronismus, als die Front des Ost-West-Konflikts zusammenbrach. Martin Walsers Essay "Über Deutschland reden", erst recht aber der hysterische Widerspruch den er auslöste, hatten mit dem Gegenwartsgefühl von uns Jüngeren, unseren Ansprüchen an das Leben, unserem Ekel vor dem Status Quo, offensichtlich ebensowenig gemein, wie mit dem Hoffen und Fürchten der Gleichaltrigen, die man auf Studienreise in die DDR oder im Urlaub in Ungarn treffen konnte. Während das Fernsehen live zeigte, wie das Volk, ob in Leipzig oder in Prag, mit den Füßen abstimmte und so Geschichte machte, debattierten die Geschichtsdeuter in den Zeitungen nicht etwa über die eigene Betriebsblindheit, die sie nicht hatte erkennen lassen, was durch vorurteilsfreie Anschauung der Verhältnisse und Haltungen jenseits der Mauer seit Jahren absehbar gewesen wäre; sondern vielmehr darüber, ob es der Geschichte, geschichtlich belastet wie sie ist, überhaupt gestattet sei, sich zu ereignen? Die Mehrheit dieser Autorengeneration hatte die historische Umwälzung, bezeichnend genug für ihre politische Kompetenz, zugleich durch ihre Wirkung über die Gräben hinweg praktisch nicht unerheblich befördert und theoretisch mehr oder minder deutlich abgelehnt; als sie eintrat, entpuppte sich ihr politisches Engagement - als apolitisches Disengagement.

In diesem Wunsch, von den Zumutungen wirklicher Politik, die stets die Zumutungen der technischen, ökonomischen, sozialen Gegenwart sind, verschont zu bleiben, unterscheiden sich die meisten älteren in nichts von den meisten jüngeren Autoren. Nur, daß sich die meisten jüngeren dazu eben gar nicht erst äußern, weder in Talk-Show noch Artikel, während manche älteren die ihren Vorurteilen widersprechende Wirklichkeit wortreich umzuschreiben versuchen: wie Handke, dessen Bild vom schuldlosen Opfer Serbien nichts mit dessen Gegenwart, dafür um so mehr mit dessen und Großdeutschlands Vergangenheit zu tun hat. Oder sie fordern, wie Grass im Frühjahr in der ZEIT unter Hinweis auf den realen Skandal der Kinderarmut in Berlin, gleich einen Cordon Sanitaire gegen die ökonomische Wirklichkeit der Globalisierung: und zwar ausgerechnet um das Parlament jenes Volkes, das wie kein zweites auf der Welt mit Hilfe asiatischer Billigimporte auf ein Alter ohne Nachwuchs spart und fast nur noch vom Export lebt.

Für das Hintertgrundthema unseres Heftes, den Verfall der politischen Rede, kann, was die Dichter betrifft, also Entwarnung gegeben werden: Poetisches und politisches Talent fielen in Deutschland meist auseinander, als poetisch gilt hierzulande seit je bevorzugt ein privater, im aristotelischen Sinne idiotischer, an der Polis vorbei gerichteter Sprachgestus, und Ausnahmen von dieser Regel hat es zu allen Zeiten gegeben. Der politisierende Dilettant dagegen, erregt und befriedigt vom eigenen a priori gesetzten Besserwissen und bestem Gewissen, gegen widersprüchliche Daten und Fakten ebenso resistent wie gegen Skrupel und Zweifel, kann angesichts seiner historisch bewiesenen Gefährlichkeit gar nicht schnell genug überquasselt werden. Der Dank für diese Erkenntnis gebührt nicht zuletzt denen, die seine Rolle in den Nachkriegsjahrzehnten zur Kenntlichkeit entstellt haben.