Kish - Reportage

Von Joachim Helfer

Süddeutsche Zeitung; 6. April 2002

Die Einladung war geheimnisvoll: "The International Centre for Dialogue Among Civilizations - Iran - and the Kish Free Zone Organization" baten zu einem "Global Seminar on Fiction And Dialogue Among Civilizations" auf die Golfinsel Kish. Das Zentrum hat Staatspräsident Chatami 1999 vor der UNO-Vollversammlung ins Leben gerufen und im Jahr darauf unter die Leitung Ataollah Mohajeranis gestellt, den er als Kritiker der Fatwa gegen Salman Rushdie nicht länger gegen die Anfeindungen der Konservativen im Amt des Kulturministers halten konnte. Kish, am Eingang der Straße von Hormuz vor dem persischen Festland gelegen, ist eine von drei Sonderwirtschaftszonen, in denen nach dem Willen der Teheraner Führung Handel mit und Fremdenverkehr aus der westlichen Welt blühen sollen. Warum aber kam das Schreiben nur drei Wochen vorab und, statt von offizieller Seite, mit dem Briefkopf einer Frankfurter Handelsfirma? Iraner neigten zu kurzfristiger Planung, stand da, und dass man auf "die internationale Entwicklung seit den tragischen Ereignissen vom 11. September" reagieren wolle. Und die Botschaft der Islamischen Republik sei wohl besser im Organisieren von Empfängen, scherzte Shiva Kambari, die Inhaberin jener Gesellschaft mit beschränkter Haftung am Telefon. Shiva, in Deutschland über Fragen der Vertrauensbildung in internationalen Beziehungen promoviert, engagiert sich privat für das Zentrum. Die Kosten des Treffens von etwa siebzig iranischen Autoren mit Kollegen aus aller Welt haben iranische Geschäftsleute übernommen, die damit zur Öffnung des Landes beitragen wollen. Jede Wortmeldung von Prosaautoren sei auf Kish willkommen. Wenn damit auch nicht die zur Zeit einsitzenden oder in Abwesenheit verurteilen iranischen Kollegen gemeint gewesen sein konnten, und wenn die guten Absichten der durch die Weltgeschichte fliegenden Literaten auch noch nie genügt haben, Krieg und Unrecht zu verhindern - wem nützte es, wie hochfahrend wäre es erst, die Geste des guten Willens abzuschlagen? Immerhin bot das Thema der Tagung Gelegenheit, den auch hierzulande modischen, gleichwohl grammatikalisch falschen und politisch gefährlichen Plural von Kultur zu verneinen: weil eine gemeinsame Kultur des Dialogs herrschen muß, wo Menschen sich treffen, um miteinander zu sprechen, und wäre es über kulturelle Unterschiede. So ist der Redetext, den die abholende Mitarbeiterin des Dialogzentrums noch am Flughafen erbittet, um ihn für die Teilnehmer kopieren zu lassen, ein kleines Plädoyer für die universelle Logik des Gesprächs, das nur zustande kommen kann, wo keiner dem anderen Angst oder Vorschriften macht. Die junge Dame trägt die bodenlange weite Kleidung und das Kopftuch der islamischen Revolution - und zwar mit erhobenem Kopf, wie eine Uniform: kommandiert den Fahrer zum Kofferholen, weist Grenzer und Zöllner an. Haben die Jungs an der Zwillingsflak beim Rollfeld der Fokker von Kish-Air noch lustig zugewinkt, erklärt sie auf dem Weg ins Hotel die karge Koralleninsel sehr ernsthaft: Das Automontagewerk, den Vergnügungspark, die Einkaufspassagen. Das neue Dareios Grand, ursprünglich als Tagungsort vorgesehen, ist nun doch nicht rechtzeitig fertig geworden, und so endet die Fahrt am letzten vor der Revolution im Luxus-Resort des Schahs erbauten Hotel, dessen konservierter 70er Look mit Sichtbeton und Kupferglas die leisen Anklänge an den Ostblock noch verstärken. Die Begeisterung des Gasts für die bizarren Luftwurzelbäume im Park, Banyan genannt, bringt seine Führerin zum Strahlen. Dass der Pool nicht aus Mangel an Geld oder Personal leer und vermoost liegt, sondern weil er, vom Haus einsehbar, keine Geschlechtertrennung ermöglicht, hätte er sich selber denken müssen. Erst recht, dass man einer Muslima als Ungläubiger nicht zum Abschied die Hand reicht: "We don't shake hands!" sagt sie in ihrem guten Schulenglisch, die ihre rasch hinterm Rücken verborgen, sichtlich unglücklich darüber, dem Gast in diesem Punkt nicht entgegenkommen zu können; er entschuldigt sich für seine Täppischkeit. "Consider your hand shaken!" hebt eine andere Stimme ihm den Blick über den Rand des Fettnapfs: Shiva aus Frankfurt, die ihr Kopftuch trägt wie ein ironisches Ethnozitat nach westlicher Mode, stellt die Gäste einander vor: Kein Grass, nirgends. Auch Christa Golf (sic) habe abgesagt, schrieb, wie sie berichtet, eine Zeitung des Reformlagers; und, dass statt der Szymborska ihr persischer Übersetzer samt Frau und Kind aus Polen eingeflogen werde. Das stimmt zwar nicht, zeigt aber, dass die Stimmung für das Seminar auch unter den Reformern umschlägt, seit mit Ali Ashraf Darwishian ein bekannter Autor die Einladung nach Kish in einem anderen Reformblatt zurückgewiesen habe: er werde nicht von einem blutbefleckten Tisch essen, der errichtet worden sei, um das Ausland über die wahren Vorgänge im Iran zu täuschen. Schließlich habe wegen eines Trauerfalls im letzten Moment auch Mahmood Dolatabadi, wohl bekanntester Prosaautor des Landes, absagen müssen, der eine Gastgeberrolle hätte spielen sollen. Dennoch seien etliche gute Namen gekommen, so Ameri Kermani, Jamal Mir Sadeghi, Abutorab Khosravi, Hossein Sanapoor und Simake Golshiri. Wer einmal da ist, wird in Bussen unter Polizeieskorte zur kleinen Hochschule der Insel gefahren, wo laut Einladung Staatspräsident Chatami eröffnen soll. Aber es heißt, er habe das Treffen durch die zur Sicherheit einer Person erforderlichen Maßnahmen nicht belasten wollen. So begrüßt Präsidentenberater und Zentrumsdirektor Mohajerani die Teilnehmer. In seiner Ansprache fehlt die Feststellung nicht, dass von allen Büchern die Heiligen Schriften die wertvollsten und beständigsten seien, aber er verbindet sie mit dem Hinweis auf deren enge Verflechtung mit Prosa: der er ihrerseits fast heilbringende und erlösende Wirkungen auf die menschliche Seele zuschreibt. Wie eine Selbstverständlichkeit geht ihm der Satz über die Lippen, dass Literatur die Grenzen der Ideologie überschreiten müsse. Für den Vertreter eines auf der Einheit von Religion, Gesellschaft und Politik errichteten Staates ist das erstaunlich. Die Iranistin Heidemarie Koch von der Uni Marburg eröffnet das Kolloquium. In ihrem Vortrag über Altpersien zur Zeit Dareios des Großen fällt westlichen Ohren vor allem der Hinweis auf die gleiche Ausbildung, Arbeit und Bezahlung von Männern und Frauen auf; wobei Geschlechtertrennung und Gleichberechtigung ja keinen notwendigen Widerspruch bilden, die heutige islamische Republik immerhin nicht nur freie und gleiche Wahlen kennt, sondern auch eine Ministerin hat. Nach Lesungen aktueller persischer Prosa folgt eine Podiumsdiskussion. Die fast ausschließlich männlichen iranischen Kollegen interessieren sich zwar für Professor Kochs Vortrag, aber allein für die Historie. Shiva versucht das Eis mit der Frage zu brechen, warum persische Prosa im Gegensatz zur Lyrik meist Zuflucht bei den Königin und Helden der Vergangenheit suche, statt sich den Problemen der Gegenwart zu stellen. Die älteren Herren wirken indigniert, man bedeutet ihr in der Pause, dass man das Risiko, nach Kish zu kommen nicht eingegangen sei, um dort kritisiert zu werden, von einer in Sicherheit lebenden Emigrantin zumal. Der anwesende literarische Nachwuchs, Studenten mit ersten Texten in Zeitschriften und Paperbacks, umlagert sie dagegen sichtlich dankbar. Das also dürfte unter anderem gemeint gewesen sein, als sie das Bedauern über das Ausbleiben vieler ausländischer Gäste mit dem Hinweis einschränkte, ihre bloße Einladung sei Voraussetzung genug für die Gelegenheit gewesen, die einander tief mißtrauenden heimischen Kollegen miteinander ins Gespräch zu bringen. Allerdings braucht man in einem Land, wo die klerikal-revolutionäre Reaktion erst vor wenigen Jahren etliche bekannte Schriftsteller ermorden oder verschwinden ließ, nicht paranoid zu sein, um als Autor niemandem zu vertrauen. So hat Mohajerani das Gerücht, die Chartermaschine für die versammelte iranische Literatur werde auf dem Weg von Teheran nach Kish abstürzen, nur dadurch entkräften können, dass er selber darin mitflog. Einstweilen geht es jedoch zum bunten Abend vor dem neuen Grand-Hotel Dareios, dessen Erbauer, ein Tycoon mit weltweiten Interessen, wohl einer der Sponsoren ist. Ob man die Marmororgie nun mag oder nicht, lieber vom Mozart-Quartett oder den persischen Volkstänzen in eine bessere Welt entführt werden will: es gibt Tränen bei Damen, die sich an die alte Zeit erinnern können - wenn zu den persischen Klängen auch traditionell die Frauen tanzten, was bis heute verboten sei. Alles scheint an diesem Abend in zwei Zeitbegriffe zu fallen: "vor der Revolution" und "seit den Wahlen". Am nächsten Morgen sind die Nationalflaggen und die Plakate der Veranstaltung von der Fassade der Uni verschwunden, und die Busse fahren im Schlepptau der Streifenwagen den Hintereingang an. Im Hörsaal geht alles planmässig weiter, Vorträge der Ausländer wechseln mit Lesungen der Einheimischen, Jan Myrdal zählt seine Übersetzungen und Auflagen in ganz Asien auf, sein schwedischer Landsmann Peter Kurmann stellt Print on demand vor, der Kuwaiti Abdullah Khalaf beklagt die angebliche totale Verdammung des Islam in den westlichen Medien nach dem 11.September und schlägt als Gegenmaßnahme vor, im Westen jene archäologischen Befunde bekannt zu machen, nach denen die menschliche Hochkultur von den Flüßen Nil, Euphrat, Tigris und Indus stamme. Applaus. Wobei auch das Händezusammenschlagen eine politische Demonstration ist, wo es als westliche Unkultur verpönt wird. Dialog aber muß etwas anderes sein, und endlich ergreift einer der jüngeren Iraner außerhalb der gedruckten Reihe das Wort, indem er Darwishian damit zitiert, dass Dialog zunächst nicht mit dem Ausland, sondern zwischen den Bürgern einer Gesellschaft geführt werden müsse. Liegt es an diesem Zwischenruf oder der Erfahrung des Vortags, dass der Moderator, ein TV-Typ, die zweite Podiumsdiskussion unter den Tisch fallen und in die Siesta entläßt? Jedenfalls organisiert Shiva in der Hotellobby eine Runde für alle, die gern diskutieren wollen. Tatsächlich kommen, angeführt vom sanft-ironischen Kinderbuchautor Ameri Kermani, der auch beim Transfer schon den Weg in den Bus der Ausländer fand, einige iranische Autoren und Übersetzer; und aus dem Westen Jan Myrdal. Den Rücken zu den Einheimischen verkündet er Shiva, dass Schweden aus der EU austreten müsse, weil die Schweden eben keine Europäer, sondern Nordländer seien, mit den Deutschen seit Albrecht von Mecklenburg über Kreuz, und die EU überhaupt nur die Fortsetzung von Hitlers Hegemoniestreben mit anderen Mitteln. Da will bald auch der persische Übersetzer von Nietzsche, Rilke und Grass nicht länger stören. Die Russen drängt es mit Badetüchern ans warme Wasser, den Strand, der bis auf das einzige schmutzige Stück am Hafen den Männern gehört. Zum Glück kommen sie beim Abendessen im Nachtwind am Meer wieder in der Nähe zu sitzen, was das Gebot erträglicher macht, dem eigentlich auch verbotenen "Strangers in the night" der Jazzcombo alkoholfrei zu lauschen. Derart befeuert kommt auch der Abgesandte der chinesischen Akademie der Künste in Karaokestimmung und trägt a capella ein Heldenlied aus der Tangzeit vor. Shiva entschuldigt sich, nicht vergnügt sein zu können, weil es wohl Krieg geben werde, der in den USA Literaturgeschichte lehrende Palästinenser klärt sie brüsk darüber auf, daß in seiner Heimat Krieg sei. In der Teepause am Tage war die Frage, warum keiner der jüngeren Autoren das Trauma des Verteidigungskriegs gegen den Irak berühre, millionenfachen Tod in der eigenen Generation, bei den Kollegen auf Unverständnis gestoßen: als Autor stamme man doch in aller Regel aus Schichten, die damit nichts zu tun hatten. Ins Feuer geschickt wurden die Söhne der Analphabeten. Sinatra oder die traurigen Weisen der Hirten. Anderntags gibt es vom eigenen Vortrag sowenig Kopien wie von allen anderen zuvor: die tief verschleierte Mitarbeiterin im Büro habe ihn an sich genommen, sagt die Abholerin mit einer Miene, als müßte das alles erklären. Wenn Dauer und Lautstärke der westlichen Unkultur nicht nur orientalische Höflichkeit waren, ist die Rede angekommen, wo auch immer; und vielleicht gerade deshalb, weil sie sich jeder Anklage enthielt. Nun endlich rafft sich ein Einheimischer auf, indem er von seinem orthodox marxistischen Manuskript abweicht: Ihr habt unsere Bücher verboten, uns außer Landes getrieben und hingemetzelt, in der Stunde aber, da uns das Vaterland braucht, sind wir gekommen! Bald darauf geht es für die Ausländer mit Kish-Air zurück zum Umsteigen in den amerikanischen Soldatenpuff Dubai. Die Fokker aber läßt auf sich warten, ein ganzes Fußballspiel lang; als nach Abpfiff auf dem Fernseher im Warteraum ein Mullah erscheint, schaltet der junge Grenzpolizist sofort einen Kanal weiter.